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Die Herausforderungen guten Wetters. Carl Spitzwegs ‚Sonntagsspaziergang‘ und die Liebe zu Anstand, Haltung und Natur.

K

einer hat das deutsche Klein- und Spießbürgertum so treffend und doch liebevoll aufs Korn genommen wie Carl Spitzweg. Statt mit beißender Satire diesen so hochbemühten und doch nur begrenzt erfolgreichen Menschenschlag in die Pfanne zu hauen, beschränkte er sich auf eine realitätsgetreue Darstellung, die durch feine Nuancen leise, humorvolle Akzente setzt. So fällt auch an Spitzwegs ‚Sonntagsspaziergang‘ auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches auf: Eine Familie nutzt das gute Wetter für einen Ausflug, herausgeputzt im Sonntagsstaat, der Vater, Haupt der Familie, stolz vorneweg, das Schlusslicht bildet die Mutter, die beiden kleinen Töchter wohlbehütet in der Mitte. So weit, so unspektakulär.

carl-spitzweg-sonntagsspaziergang Und doch zieht sich durch Spitzwegs ‚Sonntagsspaziergang‘ eine unübersehbare Ironie: Der stattliche Bauch des Vaters zeigt nur zu deutlich, dass diese Art von Ertüchtigung für ihn die Ausnahme darstellt, der brave Gänsemarsch und das Fehlen jeglicher Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern lässt das Unterfangen doch sehr nach Pflichtveranstaltung aussehen. Vor allem aber wirken die Hauben der Frauen und Mädchen — zwar in etwa der damaligen Mode entsprechend — doch für diesen Anlass ziemlich unpraktisch: Beinahe wie Scheuklappen engen sie das Sichtfeld ein, beziehungsweise nehmen der Trägerin das Gesicht, fast schon grotesk bei der Jüngsten, von der außer Kleidung nichts zu sehen ist, sowie bei der ältlichen Tante hinter dem Vater, von deren langer Nase nur die Spitze aus der Haube hervorragt. Wie man es an einem solchen Tag auch anstellen könnte, zeigt der Schmetterlingsfänger am rechten Bildrand: Unbekümmert und mit offenen Haaren springt er seiner Beute nach.

Die Familie aber setzt von derlei unbeeindruckt ihr bürgerliches Schaulaufen fort — und macht dabei noch nicht einmal einen besonders ignoranten Eindruck. Was Karl Valentin so unnachahmlich sagte, scheint auch für die Teilnehmer an Spitzwegs ‚Sonntagsspaziergang‘ zuzutreffen: „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab‘ ich mich nicht getraut.“ Und so reckt man brav die Sonnenschirme, bewahrt Haltung und transportiert überflüssige Mäntel und Tücher nur ordentlich zusammengelegt. Man ist eben entschlossen, auch diesen Spaziergang mit Stil, Anstand und Tugend hinter sich zu bringen. Eduard Mörike ließ in seinem berühmten Gedicht das „blaue Band“ des Frühlings durch die Lüfte flattern. Hier trägt man es sauber gefaltet über dem Arm.

-aldus



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