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Eben war er doch noch da! Spitzwegs ‚Schmetterlingsfänger‘ erzählt von den schönsten Momenten des Lebens.

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lück ist, wenn gerade keiner hinschaut. Und wenn doch, ist es zu spät. Carl Spitzwegs ‚Schmetterlingsfänger‘ hat diese Erkenntnis in ein wunderschönes Bildgleichnis gefasst: Es zeigt einen Schmetterlingssammler auf Expedition in einem südlichen Land, urwaldartig bilden die tropischen Pflanzen ein grünes Dach über seinem Kopf. Der Blick des Jägers richtet sich auf zwei stattliche Schmetterlinge im Vordergrund, der eine ist bereits aufgeflogen, der andere schickt sich an, es ihm gleichzutun.

carl-spitzweg-schmetterlingsfaenger Ausdrücklich, wie unter einer Lupe richtet Spitzwegs ‚Schmetterlingsfänger‘ das Augenmerk auf die beiden offensichtlich sehr seltenen Exemplare, der Jäger bleibt dabei trotzdem im Hintergrund sichtbar — eine Perspektive, die an die Mittel des modernen Films erinnert. Gemeinsam mit ihrer prächtigen Farbgebung macht die Schmetterlinge dieser Blickwinkel zu den eigentlichen Hauptakteuren des Bildgeschehens. Der Schmetterlingsfänger dagegen ist eine der typischen Spitzweg-Figuren: Blass, phlegmatisch, schrullig — und doch liebenswert. Sorgfältig hat er sich auf seine Expedition vorbereitet, Taschen, Tornister und Getränkeflasche umgeschnallt, mit einer großen Schirmmütze ist er bestens gegen die Sonne geschützt, in froher Erwartung reckt er sein Netzchen, selbst Stock und Regenschirm hat er nicht vergessen — und ist im entscheidenden Moment doch in keiner Weise auf die eigentliche Jagd vorbereitet. Stocksteif steht er da, mit offenem Mund, und sieht hinter spiegelnden Brillengläsern den beiden Schmetterlingen beim Davonflattern zu.

Spitzwegs ‚Schmetterlingsfänger‘ berührt ebenso wie seine anderen Figuren noch heute, weil wir uns in seinen Kakteensammlern, Büchernarren und Freizeitgärtnern wiedererkennen. Gewissenhaft und bedächtig richten sie sich ihre Welt ein, lassen es nicht an Zeit und Mühe fehlen, damit das Glück, falls es denn einmal käme, sich dann auch gleich heimisch bei ihnen fühle. Und bleibe. Doch wenn es dann mit einem Mal in den Blick kommt, nur etwas mehr als eine Armeslänge entfernt, groß und schön und leuchtendblau, dann fehlt ihnen die Energie, die innere Spannung, die Entschlossenheit, um zuzupacken.

Und wahrscheinlich lässt sich das Glück auch gar nicht packen — Spitzwegs ‚Schmetterlingsfänger‘ jedenfalls hätte es nur zerdrückt und seine Schönheit zerstört. Und selbst wenn er sein Netzchen recht geschwungen hätte: Man kann das Glück nicht mit einer Stecknadel auf eine Holzplatte pinnen, um sich in Mußestunden an ihm zu erfreuen. Es fasst Vertrauen, lässt sich bei uns nieder — und flattert im nächsten Augenblick wieder auf, um zu verschwinden, vielleicht für immer. Aber einen Moment lang war es da.

-aldus



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