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Wer sagt eigentlich, dass Künstler am Hungertuch nagen müssen? Eigentlich jeder, vor allem Carl Spitzwegs ‚Armer Poet‘.

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in wahrer Poet ist arm. So lautet eine der Grundüberzeugungen nicht nur des lesenden Publikums, sondern auch der Produzenten selbst. Dabei sind wahrlich nicht alle Poeten arm. Goethe war Minister, Heinrich von Kleist entstammte einem der angesehensten Adelsgeschlechter seiner Zeit, Thomas Mann verkörperte bestsituiertes Bürgertum und auch in der jüngeren Vergangenheit ist etwa mit Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre nicht jeder Dichter erst mit seinen Büchern reich geworden. Doch wir wollen es so: Ein echter Poet muss arm sein. Mehr noch: Ein wirklicher Künstler braucht das Leiden geradezu, es ist Bedingung seiner geistigen Existenz, denn nur aus dem tiefen Brunnen der Verzweiflung kann das klare Wasser der Erkenntnis geschöpft werden. Oder so ähnlich. Nicht ganz unschuldig an dieser Vorstellung ist mit Sicherheit Carl Spitzwegs ‚Armer Poet‘, der das Bild vom entsagungsreichen Dasein eines Musenlieblings in drei verschiedenen, nur leicht voneinander abweichenden Fassungen ebenso aufgriff wie mit neuem Leben versah.

Carl Spitzweg Armer Poet Spitzwegs ‚Armer Poet‘ ist ein Prachtexemplar seines Standes. Er haust in einem winzigen Zimmer direkt unter dem Dach, gegen dessen undichte Stellen er sich mit einem Regenschirm schützen muss. Durch das kleine Fenster sind verschneite Dächer zu erkennen, doch Brennholz gibt es keines, nur die eigenen Manuskripte — um sie so weit wie möglich zu verschonen, hat es sich der Dichter tagsüber auf einer schmalen Matratze bequem gemacht. Umgeben von gewichtigen Folianten hat er sich offensichtlich gerade in ein staatstragendes Thema eingearbeitet, sieht sich jedoch genötigt, zunächst einmal einen allzu aufdringlichen Floh in seiner Rechten zu zerquetschen, bevor er sich dem weiteren Schicksal seiner Königreiche widmen kann. An die schmutzige Wand über seinem Lager hat er den Aufbau des Hexameters gepinselt, das klassische Versmaß der epischen Dichtung.

So hat sich der Typus des armen Poeten in der Interpretation Carl Spitzwegs fest in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägt — vielleicht auch, weil die Wendung nicht nur das Verdikt „arm“, sondern auch die Auszeichnung „Poet“ enthält. Und so mancher mittellose Schreiberling wird diesen Teil begierig aufgegriffen haben: „Poeten sind arm. Auch ich bin arm. Also bin ich ein Poet.“ Ein formvollendeter Analogieschluss, sicher, doch was ist die Alternative? Am Ende wäre sonst noch wahr, was Hugh MacLeod zum Thema beitrug: „Künstler müssen nicht leiden. Ahnungslose, untalentierte Idioten, die sich selbst Künstler nennen, müssen leiden.“

-aldus



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