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Der steile Weg in die Höhen des Geistes. Carl Spitzwegs ‚Bücherwurm‘ entkommt dem Körperlichen. Fast.

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ie Bibliotheksleiter ist wahrscheinlich der einzige Ort, auf dem man dem Himmel näherkommt, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Carl Spitzwegs ‚Bücherwurm‘ ist die wahrscheinlich bekannteste Bebilderung dieser Tatsache: In einer prunkvollen Barock-Bibliothek steht vor einem riesenhaften Bücherregal ein älterer Mann auf einer Leiter, die Nase in ein Buch gesteckt, drei weitere hält er zur Lektüre bereit. Die Erdkugel links unten hat er hinter sich gelassen, auch der Boden der Bibliothek ist nicht mehr zu erkennen, statt dessen nähert er sich dem Himmel des prächtigen Deckengemäldes. Auch die Bezeichnung des Regals, vor dem er gerade steht, deutet an, dass der Leser das Irdische weitgehend hinter sich gelassen hat: „Metaphysik“ ist in dem goldgeschmückten Oval zu lesen.

carl-spitzweg-buecherwurm Und doch würde niemand von einem Maler wie Carl Spitzweg erwarten, dass er nicht auch das Menschlich-Allzumenschliche zu seinem Recht kommen ließe. Und tatsächlich wird Spitzwegs ‚Bücherwurm‘ vom Maler nur zu offensichtlich aus seinen hohen geistigen Sphären in die Niederungen des Körperlichen hinuntergeholt: Sein Haar ist schlohweiß, es plagt ihn eine ziemlich offenkundige Kurzsichtigkeit, ein riesenhaftes Schnupftuch erinnert daran, dass auch Studierende der Metaphysik unter Umständen von einer triefenden Nase geplagt werden können. An der ganzen Gestalt des Bibliotheksbenutzers wie auch an den Büchern, die er hält, zieht unübersehbar die Schwerkraft: Die schlaffen Schultern künden von zuviel Philosophie und zuwenig körperlicher Betätigung, die Bücher unter dem Arm und zwischen den Knien drohen herabzufallen.

Doch weit davon entfernt, seinen Buchnarren lächerlich machen zu wollen, ist Carl Spitzwegs ‚Bücherwurm‘ eher die liebevolle Interpretation eines uralten Zwiespalts: Dem zwischen der Banalität des Körperlichen und den lichten Höhen, in die der menschliche Geist sich aufzuschwingen vermag. Wie so oft zeigt Spitzweg in seinem Gemälde mit dem Kleinen im Großen auch das Große im Kleinen: Niemand braucht starke Schultern oder gerade Beine, um die weiten Felder der Philosophie zu durchmessen. Doch alle Metaphysik dieser Welt wird ihm nicht helfen, seine triefende Nase zu kurieren.

-aldus



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