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Wie kommt das Himmlische auf die Erde? Caravaggios ‚Matthäus und der Engel‘ zeigt zwei Wege auf.

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o ist meine Idee, bevor ich sie habe? Die Inspiration ist eines der größten Rätsel des Menschseins, auch und vor allem für diejenigen, denen sie gewogen ist. Martin Walser etwa wusste sich nicht anders zu behelfen, als vom „Ideenhaber in mir“ zu sprechen, und auch von der Muse nicht ganz so intensiv Geliebte machen nicht selten die Erfahrung, dass sie sich selbst kaum je so fremd sind wie in den Augenblicken ihrer besten Einfälle. Michelangelo Merisi da Caravaggio, selbst ganz offensichtlich von der Inspiration großzügig heimgesucht, hat diesem Thema zwei Gemälde gewidmet. Seine Darstellungen des Evangelisten Matthäus, der von einem Engel inspiriert sein Evangelium niederschreibt, entstanden als Auftragsarbeit für den Altar der Cappella Contarelli (San Luigi dei Francesci, Rom). Das zweite Gemälde war notwendig, nachdem die erste Fassung (sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört) brüsk caravaggio-matthaeus-und-der-engel abgelehnt worden war — man erkennt auf den ersten Blick, warum: Der Heilige ist als stiernackiger Grobian dargestellt, ungläubig starren seine Augen auf die Schrift, die seine vom Engel geführte Hand aufs Papier bringt. Die Gliedmaßen sind kurz und muskulös, ein Fuß ragt drastisch aus dem Bild heraus, die Linke des Evangelisten packt das Buch, als wolle er es zerquetschen. All das mag leicht das Empfinden eines Kirchenfürsten verletzen, doch ist es zentral für das Anliegen der ersten Fassung von Caravaggios ‚Matthäus und der Engel‘: Dem grobschlächtigen, geradezu bäuerischen Heiligen kontrastierend gegenübergestellt ist nämlich der ihn inspirierende Engel: Leicht und spielerisch bewegt er die Pranke des Apostels, auf einem Bein fast schwebend, den Mund leicht geöffnet, die linke Hand grazil an den Hals gelegt. Nichts ist hier von der Grobheit, Erdenschwere und Begriffsstutzigkeit des Evangelisten zu spüren, dem Engel ist es anscheinend nur anmutiger Zeitvertreib, den Text niederzuschreiben.

Natürlich geht es also in der Erstfassung von Caravaggios ‚Matthäus und der Engel‘ nicht darum, den Apostel als einen tumben Bauern zu denunzieren, wie das die empörten Auftraggeber vermutet haben möchten. Vielmehr führt Caravaggio unmittelbar vor Augen, was der Mensch ohne die (göttliche) Inspiration ist: ein unverständiges, rohes Gebilde aus Muskeln und Knochen. Und Caravaggio zeigt auch, wie die Inspiration über den Menschen kommt: Nicht wie etwas, das er beeinflussen kann, das er herbeizitiert, kontrolliert und wieder wegschickt, wenn die Arbeit getan ist — sondern wie ein Kind, das mit ihm spielt, solange es das eben möchte.

caravaggio-matthaeus-und-der-engel-2 In der zweiten Fassung von Caravaggios ‚Matthäus und der Engel‘ nimmt der Maler klar erkennbare Rücksicht auf die Empfindsamkeit seiner Auftraggeber: Der Heilige ist nun in ein vornehmes Tuch gehüllt, ein standesgemäßer Heiligenschein schmückt sein Haupt, seine Finger wirken feingliedrig und beweglich. Der Gesichtsausdruck spricht nun nicht mehr von ungläubigem Staunen, sondern bekundet Verstehen. Doch Caravaggio hat es sich nach diesen Zugeständnissen trotzdem nicht nehmen lassen, Inspiration auch in dieser zweiten Fassung seines Gemälde als das darzustellen, was sie ist: ein Wunder. Der Engel wirkt nun wie der letzte Abschnitt einer höchst komplizierten Himmelsmechanik: Sein Gewand bildet nur zufällig eine liegende Acht und damit das Symbol der Unendlichkeit (es wurde erst 1655 vom Mathematiker John Wallis eingeführt), tatsächlich aber bildet der dynamische Faltenwurf des Gewandes gemeinsam mit den Armen und Fingern des Engels ein komplexes Gebilde aus Schwung und Gegenschwung, das auf einleuchtende Weise das Herunterbrechen der göttlichen Wahrheit auf ein menschliches Maß versinnbildlicht: Aus dem Dunkel kommend führt das weiße Gewand zu den Armen des Engels, die seine Richtung umkehren, die Finger lenken die Bewegung erneut um — bis alles in der denkbar einfachsten Geste endet: einem Daumen, der vom Zeigefinger der anderen Hand berührt wird. Auch in dieser Version von Caravaggios ‚Matthäus und der Engel‘ ist der Heilige also kein Genie im modernen Sinne, und wenn man ehrlich ist: Sein Gesicht äußert zwar Verstehen, doch mehr ein Verstehen der Tatsache, dass der Engel die Wahrheit spricht, als ein Verstehen der Art, wie diese Wahrheit zustande kam (manch einem mag dieses Gefühl aus dem Mathematikunterricht noch geläufig sein). Ob nun als spielendes Kind oder als wundersame Mechanik einer Deutung: Caravaggios ‚Matthäus und der Engel‘ hütet sich davor, Inspiration in die Gewalt des Nachdenkenden zu stellen und zeigt, wer sie tatsächlich schenkt: der Himmel.

-aldus



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