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Die Mörderin aus Gottesfurcht. Caravaggios ‚Judith und Holofernes‘ fügt dem unendlichen Mosaik Frau ein weiteres Steinchen hinzu.

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ie Rätselhaftigkeit der Frau ist einer der beliebtesten Gegenstände der abendländischen Kunst und ihrer — jedenfalls in früheren Jahrhunderten — überwiegend männlichen Meister. Gezeigt werden die geheimnisvolle Tiefe eines Lächelns, wundersame Schönheit und Verlockung der Frau, das Mysterium ihrer Güte und ihrer anscheinend zu allem fähigen partnerschaftlichen und mütterlichen Liebe. Doch auch Unberechenbarkeit, Launen und schnell auffahrender Zorn der weiblichen Natur werden auf Leinwand und in Stein gebannt. Eine der drastischsten Auseinandersetzungen mit dieser „dunklen Seite“ der Weiblichkeit stellt ohne Zweifel Michelangelo Merisi da Caravaggios ‚Judith und Holofernes‘ dar.

caravaggio-judith-und-holofernes Das Gemälde geht zurück auf die Geschichte des Buchs Judith, eines Apokryphs zum Alten Testament: Holofernes, General des assyrischen Königs Nebukadnezar, belagert die Stadt Betulia an der Nordgrenze Palästinas. Kurz bevor die von der Wasserversorgung abgeschnittenen Israeliten aufgeben müssen, macht sich die Witwe Judith mit ihrer Magd auf ins Lager der Assyrer, nicht ohne vorher Gottes Segen für ihr Unterfangen erfleht zu haben. Ihr gelingt es, Holofernes zu betören und sein Vertrauen zu gewinnen. Nachdem Holofernes sich bei einem Mahl zu ihren Ehren schwer betrunken hat, geht sie zu seinem Lager und schlägt ihm mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. Ihre Magd trägt die grausige Trophäe in die Stadt, die Belagerten fassen neuen Mut und schlagen die nun führungslosen Aggressoren in die Flucht.

Caravaggios ‚Judith und Holofernes‘ wählt, der auch sonst spürbaren Vorliebe des Malers für extreme Zuspitzung entsprechend, den grausigsten Augenblick der Geschichte. Judith hat soeben mit dem Schwert zugeschlagen, ein Blutschwall ergießt sich auf die weißen Laken, der Kopf des Generals löst sich vom Rumpf. In einem letzten Aufbäumen wendet sich der Getroffene um, Augen und Mund aufgerissen, die linke Hand zur Faust geballt. In der für Caravaggio typischen Hell-Dunkel-Malerei (Chiaroscuro) ist die Mordszene in grellen Kontrasten akzentuiert: Das Licht kommt in unwirklichem Winkel von links oben, den Hintergrund bildet ein abgründiges Schwarz, vor das mittig in komplexem Faltenwurf ein schwerer, blutroter Vorhang fällt.

Während der Geköpfte nur wie in einem letzten bitteren Erstaunen gezeigt wird und rechts die Magd in grimmiger Entschlossenheit darauf wartet, ihre Schürze mit dem Haupt beladen zu können, spielt sich das wahre Drama in Caravaggios ‚Judith und Holofernes‘ im Antlitz der Heldin ab. Der Geschichte des Buchs Judith entsprechend erscheint sie nicht als mordlustige Attentäterin oder grausame Rächerin, sondern als demütige, gottesfürchtige Frau, die besondere Umstände zu einer besonderen Tat gezwungen haben. Ihr Kopf rückt beim Anblick ihres Tuns unwillkürlich nach hinten, ihre Gesichtszüge wirken ungläubig und verstört. Beinahe meint man auch, etwas wie Mitleid wahrnehmen zu können. Judiths Geist jedenfalls scheint nicht recht zu begreifen, was ihre Hände soeben getan haben. Über Jahrhunderte war die Frau das große Rätsel der Kunstgeschichte. In Caravaggios ‚Judith und Holofernes‘ wird sie sich selbst zum Rätsel.

-aldus



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