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Ein echter Anfang. Caravaggios ‚Bekehrung des Paulus‘ zeigt den Beginn des weitesten Weges.

G

lauben war in der Sicht Michelangelo Merisi da Caravaggios keine Sache still gefalteter Hände und demütiger Einkehr, sondern ein den Menschen von Grund auf veränderndes Drama. Wie kaum ein zweites Motiv bot ihm die Bekehrung des Paulus eine Möglichkeit, seine Sicht des christlichen Glaubens im Bild darzustellen.

caravaggio-bekehrung-des-paulus Die Ereignisse finden sich wiedergegeben in der Apostelgeschichte des Lukas: Paulus von Tarsus, mit hebräischem Namen Saulus, war ein strenggläubiger Pharisäer und Verfolger der Urchristen. Eines Tages jedoch erschien ihm auf einer Reise nach Damaskus ein blendendes Licht, er stürzte vom Pferd und hörte die Stimme Jesu, die ihn zur Umkehr aufrief. Drei Tage blieb er blind, bis ihm in Damaskus ein Anhänger Jesu in dessen Auftrag die Hand auflegte: „Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen“. Fortan verkündet der Bekehrte, die Schrift nennt ihn seitdem nur noch mit seinem griechischen Namen Paulus, die Lehren Christi und verteidigte, denen er zuvor nachgestellt hatte.

caravaggio-bekehrung-des-paulus-2 Caravaggio hat die Bekehrung des Paulus in zwei verschiedenen Gemälden umgesetzt. Die erste Fassung ist vom Bildaufbau her traditioneller, sie zeigt den Gestürzten in der Seitenansicht, von rechts oben spricht Christus zu ihm, gehalten von einem Engel. Der Paulus begleitende Söldner streckt den himmlischen Gestalten abwehrend Schild und Speer entgegen, im Hintergrund sind die Weiten einer Landschaft zu erkennen. Die zweite Fassung radikalisiert das Geschehen beträchtlich: Das Bildpersonal ist reduziert, der Raum ist bühnenartig verdichtet, Paulus wird nun perspektivisch stark verkürzt flach am Boden liegend gezeigt. Das Licht, von dem die Apostelgeschichte berichtet, findet sich in der rechten oberen Ecke lediglich angedeutet.

Das sprichwörtlich gewordene „Damaskuserlebnis“ fasst Caravaggios ‚Bekehrung des Paulus‘ in beiden Interpretationen als eben jenes einschneidende Ereignis auf, als das es sich in der völligen Umkehr des Bekehrten und auch in seinem Namenswechsel zeigt. Die Bibel spricht von nicht weniger als der Geburt eines neuen Menschen — und Caravaggio zeigt den Tod des alten, niedergeschmettert auf den staubigen Boden, hilflos die Glieder von sich streckend und mit Blindheit geschlagen. Caravaggios ‚Bekehrung des Paulus‘ gibt dem Eiferer den neuen Glauben nicht in die Hand wie ein hübsch verpacktes Geschenk, es verankert ihn in den Grundfesten seiner Existenz, die es dabei fast zerstört. Manche Wege kann man nur auf allen Vieren beginnen.

Aldus



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