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Sich einem grinsenden Knaben überlassen? Niemals! Caravaggios ‚Amor als Sieger’ fordert die Wissenschaft heraus.

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oran erkennt man echte Autorität? Am Lachen. So beiläufig, unangestrengt und heiter wie Caravaggios ‚Amor als Sieger’ lacht nur, wer sich seiner Sache restlos sicher ist. Gezeigt wird mit Amor die Verkörperung der Liebe und damit bekanntermaßen derjenigen Macht, der sich alles und jedes auf Erden unterordnen muss — wie schon der römische Dichter Vergil in einem seiner Hirtengedichte feststellte: „Omnia vincit Amor et nos cedamus Amori“ — „Die Liebe besiegt alles, lasst uns alle der Liebe nachgeben.“

caravaggio-amor-als-sieger Caravaggios ‚Amor als Sieger’ (auch ‚Siegreicher Amor’ genannt) zeigt die herrschende Himmelsmacht nicht in weihevollem Ornat, nicht als liebliche Schöne, deren Reize den Betrachter bezwingen, sondern als lachenden Knaben. Künstler vergleichbare Werke gaben dem Liebesgott meist ein deutlich jüngeres Aussehen, Caravaggios Amor dagegen ist der Possierlichkeit frühester Jugend bereits entwachsen — beinahe wirkt es, als habe Caravaggio den Triumph seines Amors nicht durch die einnehmende Art eines zu kindlichen Erscheinungsbildes abmildern wollen; er malte statt dessen einen handfesten Rotzlöffel mit nicht einmal besonders vorteilhaften Zügen, dem man immerhin zutraut, mit seinem Bogen tatsächlich etwas auszurichten.

Alles, was in der Welt Achtung genießt, ist in Caravaggios ‚Amor als Sieger’ wie zu einem Haufen Gerümpel zusammengetürmt: Musik- und Messinstrumente, Teile einer Rüstung, ein Himmelsglobus, Lorbeer, Szepter und eine Krone — es ist nur eine Ansammlung von Krempel, über die Amor im Begriff ist, hinwegzusteigen oder aber auch seinen Knabenhintern darauf zu plazieren. Im ersten Buchstaben des Notenheftes und der Anordnung des Richtscheits ist dabei eine Initiale des Mäzens Vincenzo Giustiniani festgehalten.

Eine Vielzahl von Interpretationen hat aus dem Gemälde Weitergehendes ableiten wollen, immer wieder musste Caravaggios angebliche Homo- oder doch wenigstens Bisexualität herhalten, der nicht sichtbaren linken Hand Amors wurden die abwegigsten Dinge unterstellt. Manch einer sah Caravaggios Amor auch im Begriff, mit dem Körper eine Drehbewegung zu vollführen, aus der wiederum Stellungnahmen zu theologischen und philosophischen Fragestellungen der Zeit entwickelt wurden. Amor jedoch eine Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs zu unterstellen, während er gleichzeitig sämtliche Disziplinen mit seinem Hinterteil verhöhnt, hieße dem Knaben doch eine ernstlich schizophrene Veranlagung attestieren. Doch einen zu nachhaltiger Auslegung Entschlossenen wird derlei nicht abschrecken, die letzte Arbeit über Caravaggios Werk ist mit Sicherheit noch nicht geschrieben, das letzte Argument noch nicht vorgebracht. Der grinsende Sieger allerdings steht schon jetzt fest.

Aldus



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