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Wie lässt sich Gewissheit im Bild darstellen? Caravaggios ‚Abendmahl in Emmaus‘ findet Worte für das Unsagbare.

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ine Leinwand kann nicht sprechen, sie leuchtet nicht und sie dringt nicht in die Tiefe des Raums. Doch Michelangelo Merisi da Caravaggios ‚Abendmahl in Emmaus‘ bringt ihr all das bei. Dargestellt wird eine Szene aus dem Lukasevangelium: Nach der Kreuzigung Jesu sind zwei seiner Jünger auf dem Weg zum Dorf Emmaus, als ihnen der Auferstandene begegnet. Seine Schüler — Lukas und Kleophas — erkennen Jesus nicht wieder, während sie die traurigen Geschehnisse der vergangenen Tage mit ihm besprechen. Erst als sie mit Jesus zu Abend essen, er das Brot bricht und ihnen gibt, erkennen sie ihn plötzlich.

caravaggio-emmaus Caravaggios ‚Abendmahl in Emmaus‘ hält exakt diesen Moment jähen Erkennens fest: Beide Jünger haben gerade ihr Stück Brot vor sich, als ihnen mit einem Mal die Augen aufgehen — nachdem sie vorher noch „wie mit Blindheit geschlagen“ waren (Lukas 24,16). Die Dramatik dieses Augenblicks übermittelt Caravaggio mit unvergleichlicher Meisterschaft: Der Jünger zur Rechten Christi stützt sich wie im Aufstehen begriffen auf die Lehnen seines Stuhls, die Augen ungläubig aufgerissen, während sein rechter Ellenbogen dem Betrachter fast ins Gesicht zu stoßen scheint — unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die leuchtende Haut unter seiner zerrissenen Jacke. Der Jünger zur Linken streckt beide Hände waagerecht ausgreifend von sich — und mit einem Mal ist die Leinwand keine Fläche mehr, sondern eine dreidimensionale Bühne. Jesus ist von dem aufgewühlten Gebaren um ihn unberührt, seine Hände ruhen in bestätigender Geste, sein Kopf leicht geneigt, die Augen fast geschlossen. Er ist der feste Punkt, der die hastige Bewegung der Jünger mit Leichtigkeit auffängt und zur Ruhe bringt. Als ein Eichmaß der Ungerührtheit steht der Wirt am Tisch, der nicht versteht, was die Anwesenden in Aufruhr versetzt, und vor dessen bewegungsloser Mimik die Jünger in ihrer Aufgewühltheit noch mitreißender wirken.

Für Caravaggio charakteristisch sind die dramatischen Hell-Dunkel-Kontraste (Chiaroscuro), die auch seinem ‚Abendmahl in Emmaus‘ eine gespannte Bewegtheit verleihen. Während der Hintergrund zum Teil völlig im Dunkel liegt, treten Stellen des Tischtuchs und der Kleidung des Wirts in geradezu leuchtendem Reinweiß hervor. Die Schattenführung ist optisch nicht korrekt, aber wirkungsvoll — die wesentlichen Elemente des Bildes sind klar erkennbar. Und obwohl keiner der Dargestellten den Mund zum Sprechen geöffnet hat, sagen das wortlose Staunen der Jünger und die schweigende Ruhe Christi mehr als ganze Seiten der Bibel. Glaube als Drama: Michelangelo Caravaggios ‚Abendmahl in Emmaus‘ fesselt als Einakter seine Zuschauer noch heute, vierhundert Jahre nach seiner Entstehung.

-aldus



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