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Demokratie und Freude. Sandro Botticellis ‚Primavera‘ und die angebliche Zeitlosigkeit eines Gefühls.

D

ie Malerei der Renaissance liebte die Allegorie, den Rückgriff auf literarische und mythologische Vorbilder, der ein kleines, sozial hochstehendes Publikum seiner enormen Bildung vergewisserte. Das macht viele Werke der Zeit für uns heute nur schwer nachvollziehbar, nicht wenige Gemälde brechen unter ihrer Bildungslast gar zusammen, wirken steif und gekünstelt. Ganz anders Sandro Botticellis ‚Primavera‘ (‚Frühling‘) — die Leichtigkeit und Lebensfreude seines Sujets überträgt sich auf den Betrachter, selbst wenn der keine der dargestellten allegorischen Figuren, ja, nicht einmal den Bildtitel kennt. Zu deutlich ist die Körpersprache des Vordergrunds, während der gesamte Bildhintergrund von Blüten, Früchten und Zweigen in ein das Auge betörendes und verwirrendes Durcheinander aufgelöst wird — nur ein wenig blauer Himmel darf durchscheinen, damit auch das Meteorologische dem bunten Treiben seinen Segen gibt.

sandro-botticelli-primavera-fruehling Botticellis ‚Primavera‘ zeigt den Frühling als Allegorie der erotischen Liebe. In der Mitte grüßt die Liebesgöttin Venus mit einladend halb hinter sich weisender Geste, ihr steter Begleiter Amor schwebt, fleißig Bogen schießend, über ihr. Ganz rechts ergreift der Westwind Zephyr Besitz von der Nymphe Chloris, die — nachzulesen in den ‚Fasti‘ Ovids — in der Eheschließung mit ihm zu Flora wurde, der Göttin des Frühlings. Als diese streut sie zur Linken Venus‘ aus voller Hand ihre Blüten. Zur Rechten der Liebesgöttin tanzen die drei Grazien, Verkörperungen weiblicher Schönheit und Jugend, einen anmutigen Reigen, ganz links schiebt der Götterbote Merkur mit seinem Stab einige dunkle Wolken beiseite und sichert so die Fortdauer der unbeschwerten Szene.

sandro-botticelli-primavera-fruehling-2 Ob, und wenn ja, welche tiefergehende Interpretation im Sinne des Künstlers gewesen sein dürfte, darüber existieren die unterschiedlichsten Meinungen, echten künstlerischen Gehalt kann allerdings keine noch so sorgfältig ausgetüftelte Deutung einem Kunstwerk hinzufügen. Und dieser Gehalt besteht in Botticellis ‚Primavera‘ nicht zuletzt in der Subtilität der Personendarstellung: Obwohl die heitersten und schönsten Augenblicke im Leben eines Menschen dargestellt sind, ist nur im Gesicht der Flora die Andeutung eines Lächelns zu erkennen. Allen anderen eignet etwas wie ein beseelter Ernst, auch, besonders im Fall der Grazie ganz links, eine nachdenkliche Melancholie. Das Ganze ist also kein ausgelassener Bauerntanz mit Juchzen, Schreien und Springen, die Freude, von der Botticellis ‚Primavera‘ spricht, ist vielmehr eine zutiefst innerliche, geradezu existentielle Freude: Eine, die auch im Genuss von ihrem Gegenteil weiß und in ihrem tiefsten Begriff nicht allein den Überschwang des Augenblicks widergibt, sondern den ganzen Menschen mit seinen Anlagen, Möglichkeiten und auch in seiner sozialen Verortung umfasst. Die höfische Gesellschaft, für die Botticelli dieses Gemälde schuf, begriff ihr Dasein als einen ewigen Frühling, doch sie gab dem nicht allein im lauthalsen Jubel rauschender Feste Ausdruck, sondern auch in subtilen Meisterwerken wie Botticellis ‚Primavera‘. Unsere demokratische Gesellschaft hat sich vorgenommen, Freude zur Sache aller Schichten zu machen, sie geradezu von Staats wegen zu garantieren. Ein höchst ehrenwertes Anliegen, und doch muss man einsehen: Die zutiefst aristokratische Freude Botticellis und seiner Auftraggeber, die sich an der Seite der antiken Götter wähnten, ist etwas ganz anderes.

-aldus



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