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Die längste Sekunde von allen. Böcklins ‚Selbstbildnis mit fiedelndem Tod‘ erinnert sich an die Zukunft.

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er Tod ist fern. Denkt man für gewöhnlich. Insgeheim meint jeder, der Tod sei etwas, das wohl die anderen, nicht aber ihn selbst beträfe, jedenfalls jetzt und auf alle absehbare Zeit nicht. Thema beendet und was wollte ich gerade machen? Dann aber gibt es diese jähen Momente tiefen Verstehens, unabweislichen Einsehens und Verinnerlichens dessen, was jedem von uns vorbestimmt ist. Wie ein Messer fährt dieses Erkennen tief in unser Selbst und lähmt uns für eine Sekunde völlig; mitten in der alltäglichsten Beschäftigung kann diese Gewissheit über uns kommen. Arnold Böcklins ‚Selbstbildnis mit fiedelndem Tod‘ zeigt eine solche Sekunde.

arnold-boecklin-selbstbildnis-mit-fiedelndem-tod Der Maler Böcklin blickt von seiner Arbeit auf — und lauscht erschrocken und gebannt den Klängen des Knochenmannes. Auf seinem Pinsel die lebensgrünste Farbe ist er offensichtlich gerade mit einem anderen Bild beschäftigt als seinem ‚Selbstbildnis mit fiedelndem Tod‘, denn diese Farbe ist dort nirgends zu finden. Doch trotz der Beschäftigung mit dem blühenden Leben und seiner Versenkung in die Arbeit, mit einem Mal kommt ein Erkennen über den Künstler: „Media vita in morte sumus“ — „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“, brachte es schon um das Jahr 750 der Gelehrte Notker I. auf den Punkt, und Rainer Maria Rilke dichtete knapp zwölf Jahrhunderte später: „Der Tod ist groß [...] Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns.“ Oder zu fiedeln.

Diese Sekunde ist folgenlos, natürlich, sie muss es sein. Denn nur der erlösende Verlust des Verstandes würde einem ermöglichen, mit diesem echten Einsehen dauerhaft zu leben, gewissermaßen mit seinem eigenen Kopf unter dem Arm herumzulaufen. Und doch kann niemand eine tatsächlich aussagekräftige Deutung des Lebens geben, ohne auch den Tod mitbedacht zu haben. Insofern ist Arnold Böcklins ‚Selbstbildnis mit fiedelndem Tod‘ ein zutiefst lebensbejahendes Werk. Solange die Musik noch spielt, ist der Tanz nicht vorbei.

-aldus



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