august-macke-promenade-thumb

Kollaps in einen glücklichen Augenblick. August Mackes ‚Promenade‘ lässt los und landet weich.

A

bstraktion kann in der Malerei sehr viel mehr sein als erprobendes Spielen mit Formen und Farben — manchmal erlaubt sie dem Betrachter Einblicke, die ihm keine noch so realitätsgetreue Maltechnik vermitteln könnte. Auf den ersten Blick wirkt August Mackes ‚Promenade‘ wie ein kapriziöses Experiment, eine willkürliche Schematisierung seines Gegenstandes. Lässt man sich jedoch näher auf das Gemälde ein, zeigt sich Planvolles hinter der Verfremdung.

august-macke-promenade August Mackes ‚Promenade‘ bringt sein Motiv zum Wanken: Allein die weibliche Rückenfigur (ähnlich der in Mackes ‚Dame in grüner Jacke‘) steht aufrecht — ansonsten kippt und taumelt alles durcheinander: Kein Spaziergänger, der sich nicht irgendwo anlehnte, kein Baum, der einfach gerade nach oben wüchse. Die seitliche Brüstung schlängelt sich ins Ungefähre, der Weg löst sich auf in geschwungene Flächen und verschwindet rasch in einem völlig abstrakten Gegeneinander runder Formen. Auch das Laub der Bäume formt sich zu grünen Bögen, die über den Weg wippen, der Sonnenschirm bildet nur noch eine optische, keine physikalisch nachvollziehbare Einheit mit der Frau, so stark ist er zur Seite gekippt.

Die Farben in August Mackes ‚Promenade‘ haben bei alledem nichts Beunruhigendes, im Gegenteil, es dominieren warme Rot-, Gelb- und Brauntöne, die Bäume bilden ein schattig-grünes Dach, aus dem Hintergrund leuchtet das ungetrübte Blau eines warmen Sommertages. Das Schlingern und Stürzen in Mackes ‚Promenade‘ scheint kein anderes Ziel zu haben als diesen einen gemalten Augenblick eines Sommertages auf einem Spazierweg. Nichts lässt auf Zukünftiges schließen, nicht einmal der Weg will irgendwohin — alles fällt leicht und ohne jeden Zwang in seine Haltung, Farbe und Form. Aufrecht steht inmitten dieser Abkehr vom Vertikalen allein die Frau mit dem Sonnenschirm, in ihr scheint alles Wanken seinen Mittelpunkt zu haben. Über ihre Innenwelt — und was sie derart ins Schlingern bringt — kann man nur mutmaßen. Ganz offensichtlich steht sie dem jungen Mann mit weißem Hut zugewandt, der jedoch hat die Augen niedergeschlagen. Im nächsten Moment wird er aufblicken und die Frau ansehen. Vielleicht aber auch nicht. Doch etwas wie diesen Augenblick nimmt der glückliche Zusammenbruch von August Mackes ‚Promenade‘ vorweg.

Aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar