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Zurück dorthin, wo wir nie waren. August Mackes ‚Kairouan I‘ tritt die älteste Reise Europas an.

S

olange das Abendland besteht, träumt es vom Morgenland. Im Grunde ist es die Sehnsucht nach der Ferne schlechthin, die seit Jahrhunderten den Gedanken an den Orient — unsere naheliegendste Ferne — in der Phantasie Europas wachhält. Insbesondere die Malerei des Historismus erging sich dabei in üppigen und großformatigen, detailreich ausgeschmückten Szenen, bevorzugt in verschwenderischen Palästen oder der Sinnenschwüle eines Harems angesiedelt. Doch kommt wohl keiner dieser grandios angelegten Schmachtfetzen des 19. Jahrhunderts so nah an den Kern des europäischen Faszinosums Orient heran, wie dieses kleinformatige Aquarell.

august-macke-kairouan-i August Mackes ‚Kairouan I‘ entstand 1914 während einer Nordafrika-Reise des Künstlers, es zeigt die Stadt Kairouan im Nordosten Tunesiens. Zu sehen sind die Mauern der Stadt, stilisierte Zinnen, Kuppeln und der Turm der Großen Moschee; im Vordergrund erstrecken sich die Ausläufer der Wüste, eine Karawane durchzieht sie auf dem Weg zur Stadt. Auf den ersten Blick fällt die Flüchtigkeit auf, mit der das Aquarell angelegt wurde: Die Dünen des Vordergrunds sind nur durch grobe Linien konturiert, spärliche Vegetation ist durch einzelne Farbtupfer nass in nass angedeutet. Die Stadtsilhouette ähnelt einer Abfolge geometrischer Figuren, die Tiere wirken zum Teil geradezu wie Kinderzeichnungen, so reduziert ist ihre Ausarbeitung.

Eines aber stellt August Mackes ‚Kairouan I‘ ganz präzise dar, sei es in den irisierenden Farben des Himmels, den sonnengetränkten Stadtmauern oder der Unwirtlichkeit der Wüste: den Zauber, die Versprechen des Orients, wie sie sich einem Europäer darbieten — und die Sehnsucht danach. Gerade die Einfachheit des Aquarells hilft dabei, das Grundlegende seiner Aussage zu vermitteln. Wie in Höhlenmalereien Steinzeitmenschen in wenigen Strichen und Flächen an die Wand klecksten, wonach sie sich in langen Winternächten sehnen mochten — grüne Bäume und Jagd auf üppige Beutetiere —, so wirkt August Mackes ‚Kairouan I‘ wie eine sehnsüchtige Höhlenmalerei an einer sorgfältig getünchten Wand des vernünftigen Westeuropas. Als habe ein kleiner Angestellter sie an einem endlosen Montagvormittag heimlich an die Wand neben seinem Schreibtisch gemalt — und für einen Augenblick füllte unbarmherzige Sonne das Büro, Gerüche exotischer Gewürze und der ferne Ruf des Muezzins.

Aldus



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Kommentare  

 
0 #1 2011-11-12 23:45
SgDuH,

ich würde gerne einen Druck von August Mackes Aquarell "‚Kairouan I‘ kaufen, aber die meisten DRucke, die ich im Internet finde, haben falsche Farben - nur Ihr hier gezeigtes Bild schient mir richtig zu sein. Bieten Sie auch einen Druck davon an?
Herzl. Gruß,
A. Korell
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