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Jenseits von Arkadien. Arnold Böcklins ‚Villa am Meer‘ schwelgt in einer dunklen Italiensehnsucht.

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atte der Klassizismus Antike und Mittelmeerraum zu beinahe erdrückenden Größen von allumfassender Gültigkeit erhoben, so setzte spätestens das Werk Arnold Böcklins ein kräftiges Fragezeichen hinter diesen Anspruch. Auch Böcklin beschäftigte sich mit Szenen und Motiven der Antike, doch lotet er in vielen Werken Aspekte dieses Motivbereichs aus, die frühere Künstler nach Kräften mieden: Humor und Spiel auf der einen, Gewalt, Angst und Bedrohung auf der anderen Seite — bei Böcklin finden sich lachende Kentauren ebenso wie die abgründige Düsternis einer ‚Toteninsel‘. Auch Böcklins ‚Villa am Meer‘ hat mit klassizistischer Antikenverehrung nur noch sehr wenig zu tun.

arnold-boecklin-villa-am-meer-1 Über Jahrzehnte beschäftigte sich Arnold Böcklin mit dem Motiv seiner ‚Villa am Meer‘. Eine Ölskizze aus dem Jahr 1863 zeigt sich mit leuchtendem Marmor und azurblauem Meer noch dicht an der idealisierenden Sichtweise früherer Maler. Doch auch hier schon setzen das wuchernde Schwarz der Pinien und das Paar in nachdenklicher Pose auf der Gartenmauer düstere Akzente. Das Paar ersetzte Böcklin in insgesamt fünf verschiedenen Varianten durch eine einsame Sinnende, andere Fassungen setzen an ihre Stelle einen Schwarm schwarzer Vögel oder gar die Darstellung eines Mordes.

arnold-boecklin-villa-am-meer-2 Ist sie von solcher Drastik auch noch weit entfernt, so lässt Böcklins ‚Villa am Meer‘ in der Fassung aus dem Jahr 1865 doch von arkadischer Idylle bereits nichts mehr erahnen: Leichenblass steht eine in Schwarz gehüllte Frauengestalt vor einer halb verfallenen Begrenzungsmauer, im Hintergrund ist die Natur mit aller Gewalt im Begriff, die felsige Landzunge zurückzuerobern. Die Pinien neigen sich bedrohlich zum Säulengang der Villa und recken ihre Zweige in ihre Richtung, eine Statue auf dem Dach ist bereits von ihrem Grün erfasst. Das restliche Gebäude wird zum größten Teil von Bäumen und Buschwerk verdeckt, die Statuen scheinen wie in einen Kampf mit der aggressiven Natur verstrickt. Durch eine düstere, breite Höhle scheint das Meer derweil von unten das Fundament der Villa zu unterspülen und so ihren Untergang voranzutreiben.

arnold-boecklin-villa-am-meer-3 Auch in der Fassung des Jahres 1878 steht Böcklins ‚Villa am Meer‘ auf verlorenem Posten. Mächtig brandet das Meer in beinahe schwarzen Wogen an die Mauern ihrer Terrasse, an Land scheinen sich die Wellen im düsteren Gestrüpp fortzusetzen, hinter dem bereits ein Großteil des Gebäudes verschwindet. Auf dem Dach des Säulengangs wirkt die rechte Statue im Angesicht der herandrängenden Pinien wie vor Schreck erstarrt, sie weicht zurück und streckt die Hände zur Seite; die Statue zur Linken hat der Natur bereits resigniert den Rücken zugewandt. Die nachdenkliche Frauengestalt steht in dieser Version des Gemäldes nun geradewegs in Ruinen, die verwitterten Steine lassen keine Rückschlüsse auf die frühere Pracht der Anlagen mehr zu.

Was der Klassizismus in seiner Sicht der Antike verherrlichte war allemal der Glanz und der aufrechte Stolz, mit dem ihre Kunst und Architektur dem Zufall und den Unwägbarkeiten der Natur standhielt. Sei es in symmetrisch der Schwerkraft trotzenden Tempelanlagen, sei es in der Selbstbemeisterung antiker Helden und Götter: Das Dunkle, Ungreifbare, Namenlose nicht nur der Natur sondern auch der menschlichen Seele hatte hier keinen Platz oder wand sich als besiegtes Ungeheuer zu Füßen äußerlich ungerührter Krieger. Die Macht, die Böcklins ‚Villa am Meer‘ bedroht, bleibt ungenannt, und keine präzise sie identifizierende Interpretation würde den Werken gerecht. Die Botschaft indes ist klar: Der Sieg des Klassizismus ist ein Scheinsieg. Seine Verherrlichung des alles bezwingenden menschlichen Willens und Geistes ist Anmaßung, seine Gebäude und Menschen aus glänzendem Marmor blenden eine unumstößliche Tatsache aus: Der Mensch ist nicht die stärkste Macht des Universums. Und — dieser Verdacht sollte sich noch zu Böcklins Lebzeiten erhärten — er ist nicht einmal die stärkste Macht in seinem eigenen Kopf.

Aldus



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