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Wir wähnten uns sicher und dann das. Arnold Böcklins ‚Pest‘ hat keine guten Nachrichten für den Betrachter.

E

s sind Geschichten, fern und wohlig-schauerlich wie aus einem Märchenbuch — die Berichte vom Wüten der Pest in Europa, der im Mittelalter ein ganzes Drittel der Bevölkerung erlag. Das massenhafte Leiden und Sterben der Menschen ist für die allermeisten von uns heute völlig abstrakt und ohne jeden Bezug auf unsere Lebenswirklichkeit. Doch in Arnold Böcklins ‚Pest‘ ist mit einem Mal etwas von der bedrückenden Realität der Seuche nachzuempfinden.

arnold-boecklin-die-pest Das Gemälde verbildlicht die Pest als drachenähnliches Ungeheuer mit fahlem Sensemann auf seinem Rücken. Der Kopf des Reittiers zeigt kein furchteinflößendes, zuschnappendes Gebiss, er stößt auch nicht etwa Flammen aus, es entweicht nur ein blasser Dampf aus seinem Schlund, der „Pesthauch“, den man im Mittelalter für die Verbreitung der Seuche verantwortlich machte. So bläst dieses Tier seine Opfer nicht gewalttätig um, sondern lässt sie, wie den Mann mit weißem Hemd an der Hauswand, langsam zusammensacken. Im Gegenschwung des Drachenhalses droht der leichenartige Reiter von Böcklins ‚Pest‘ im nächsten Augenblick, die Sense über die Straße fahren zu lassen, seine leeren Augenhöhlen zeigen, dass er in seinem Wüten keine Unterscheidung trifft. Der Blick über die mittelalterlich und dabei doch seltsam zeitlos wirkende Straße zeigt die Wirkung der Pest: Es ist ein einziges Stürzen und Fallen, im Hintergrund heben sich die drastischen Verrenkungen der Todgeweihten dramatisch von einem weißen Hintergrund ab. Die Seuche scheint die Bewohner bei alltäglichen Verrichtungen überrascht zu haben, rechts etwa sind noch zwei verwaiste Wassereimer zu sehen, im Vordergrund ist eine Frauengestalt zusammengebrochen über einer weiteren Frau, die wie eine Braut gekleidet ist. Über der Gruppe ist eine Nische in der Hauswand zu erkennen, wie für eine Heiligenfigur, doch es ist nichts darin zu erkennen. Wenn eine Figur darin sein sollte, so ist sie ohne Macht — die Nische wirkt ebenso leer wie die Augenhöhlen des mörderischen Reiters.

Arnold Böcklins ‚Pest‘ verleiht den blassen Geschichten um die Auswirkungen der Seuche grausige Anschaulichkeit, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Schlag: Die Achse der Straße führt leicht nach links, entsprechend ist die weitere Flugrichtung des Ungeheuers knapp rechts am Betrachter vorbei, während der Sensemann sich eben anschickt, links vom Tier zuzuschlagen — also genau am Ort des Betrachters. Was dann folgt, ist das abgrundtiefe Schwarz der Fledermausschwingen. Die Pest ist bis heute nicht besiegt.

Aldus



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