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aldus- Wer hält das Schild? Albrecht Altdorfers ‚Alexanderschlacht‘ glaubt, dass die Details der Geschichte nichts mit ihrem Sinn zu tun haben.

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eschichte ist etwas höchst Abstraktes. Weltreiche entstehen und vergehen, Friedensjahre wechseln sich ab mit Jahrzehnten kriegerischer Auseinandersetzung — und das alles auf wenigen Seiten eines Geschichtsbuchs. Im Rückblick der Historiker verschwimmen Jahrhunderte und Jahrtausende in Zahlen, Orten und Fakten. Nur wenige Kunstwerke schaffen es, Geschichte unmittelbar anschaulich zu machen, und keines hat über ein historisches Ereignis hinaus das Wirken der Geschichte selbst so verdichtet wie Albrecht Altdorfers ‚Alexanderschlacht‘.

altdorfer-alexanderschlacht Der Gegenstand des Gemäldes ist jedem Schüler bekannt. „Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei“: Nach seinem Sieg über die Perser am Granikos schlägt Alexander der Große 333 vor Christus den Perserkönig Darius III. bei Issos / Issus auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Die Expansion des Perserreichs war damit gestoppt und eine neue Epoche der Weltgeschichte eingeleitet: Es war die Geburt des Abendlandes. Altdorfers ‚Alexanderschlacht‘ hält den entscheidenden Augenblick fest, in dem sich Darius in seinem Dreispänner zur Flucht wendet (Bildmitte links), verfolgt von Alexander und dessen Truppen. Trotz einer ungeheuren Präzision im Detail (die Krieger tragen exakt nachgebildete Rüstungen aus der Zeit Altdorfers) wird die weltgeschichtliche Bedeutung des Geschehens unübersehbar vor Augen geführt. Während im Vordergrund einzelne Gesichter auszumachen sind, bietet der Blick auf die Szenerie in der Bildmitte einen wahrhaft epischen Überblick der Schlacht, der sich zu einer extremen Vogelperspektive weitet: Im Hintergrund (Süden) ist das Mittelmeer mit Zypern zu erkennen, ebenso Ägypten mit der siebenarmigen Mündung des Nils, links das Rote Meer und das Heilige Land.

In einem naturähnlichen Gewoge branden in Altdorfers ‚Alexanderschlacht‘ die Heere der Griechen und Perser gegeneinander an — und ihr Getümmel setzt sich am Himmel fort: Auch die Wolken sind in dramatischer Aufruhr, doch in ihrer Mitte, ebenso wie in der Mitte des Schlachtfelds, klärt sich bereits die Lage. Die Allegorie setzt sich in den Himmelskörpern fort: Während links oben der blasse Halbmond (Symbol für das Morgenland der Perser) ermattet einen kraftlosen Hof ausatmet, türmt die untergehende Sonne (Abendland) wie in einem Strudel dramatische Wolkengebilde um sich. Mensch und Natur verschwimmen zu einem kosmischen Ganzen, während wie an einer Kette aus dem Himmel die Beschreibung des Dargestellten auf einer Tafel ins Bild hängt. Und ebendieses herabhängende Schild ist eine Deutung des Bildes nicht nur in dem, was auf ihm geschrieben steht. Es zeigt auch das uns heute fremde Gottvertrauen der Zeitgenossen Altdorfers und die Art, wie sie Geschichte verstanden: als eine Fortsetzung des Naturgeschehens mit menschlichen Mitteln, ein wogendes, naturähnliches Getümmel, dramatisch, aber für sich betrachtet bedeutungslos wie das Wogen und Branden eines Meeres. Der Sinn kommt erst von Gott.

-aldus



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