alexandre-cabanel-geburt-der-venus-thumb

Zum sofortigen Verzehr bestimmt. Alexandre Cabanels ‚Geburt der Venus‘ und die Vorzüge eines Salonschinkens.

P

op ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Der Wunsch nach unkomplizierter Befriedigung ästhetischer, erotischer und Unterhaltungsbedürfnisse ist so alt wie der Mensch selbst, und immer schon wurde ihm stattgegeben. Ein gutes Beispiel ist Alexandre Cabanels ‚Geburt der Venus‘ — ein klassischer „Salonschinken“, wie es manchmal abfällig heißt. Die Mitglieder der Königlichen Akademie für Malerei und Skulptur — einer 1648 von Ludwig dem XIV. genehmigten Institution, die jährlich den einflussreichen Pariser Salon ausrichtete — pflegten in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen oft in perfekter Technik und oberflächlicher Auffassung des Motivs erstarrten Stil. Als Jurymitglied des Salons sorgte Alexandre Cabanel gemeinsam mit William-Adolphe Bouguereau etwa dafür, dass ein Neuerer wie Édouard Manet vom Salon ausgeschlossen blieb.

alexandre-cabanel-geburt-der-venus Cabanels ‚Geburt der Venus‘ macht auf den ersten Blick verständlich, warum Maler wie Manet, Pissarro und Cézanne den Akademiemitgliedern ein Dorn im Auge sein mussten. War den Impressionisten daran gelegen, den wahren Kern, das Wesen eines Motivs sichtbar zu machen, so begnügten sich Cabanel und andere Salonmaler mit der perfekten Oberfläche; Tiefe der Auffassung wurde oft durch Bildungshuberei ersetzt. Den Hintergrund zu Cabanels ‚Geburt der Venus‘ liefert folgerichtig die griechisch-römische Mythologie: Aus Meerschaum soll Venus, Göttin der Liebe, geboren worden sein, bevor sie an der Küste Zyperns erstmals Land betrat. All das liefert Cabanel: Brav schäumt das Meer, warm und südlich glänzt im Hintergrund der mediterrane Himmel, diensteifrig verkünden die Genien mit ihren Muschelhörnern die Ankunft der Unsterblichen.

Die Maltechnik kann nicht anders als perfekt genannt werden: Das Inkarnat ist von feinstem blass-rosigen Schimmer, der seidige Glanz der Haare ist täuschend echt wiedergegeben, auch das dunkel leuchtende Grün der sonnenbeschienenen Wellenkämme überzeugt unmittelbar. Die Haltung der Liebesgöttin ist eine Verbindung aus Unschuld und natürlicher Laszivität, wie sie eigentlich nur ein männlicher Maler auf die Leinwand bringen kann. Räkelte sich die Schöne in dieser suggestiven Weise nicht auf einem Wellenkamm des östlichen Mittelmeers, sondern auf einer Récamière — die Kunstwelt hätte laut „Skandal!“ geschrien. Aber wer möchte einer Göttin des Altertums schon etwas unterstellen. So darf sich der Betrachter an der wolllüstigen Ausstrahlung eines nackten Frauenkörpers erfreuen und seine Begleiterin gleichzeitig über die antike Sagenwelt belehren. Wenn der Anblick seine Hirnaktivität nicht zu sehr lähmt.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar