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Weder Helden noch Märtyrer. Adolph Menzels ‚Eisenwalzwerk‘ zeigt Menschen bei der Arbeit.

G

ut anderthalb Jahrhunderte sozialer Kunst haben unseren Blick konditioniert. Sehen wir auf einem Gemälde statt königlicher Häupter einfache Arbeiter, so suchen wir sofort nach Anzeichen von Erschöpfung und Verzweiflung in ihren Gesichtern, nach Hinweisen auf die Untragbarkeit ihrer Lebensumstände und ihre Ausbeutung durch die Bourgeoisie. Dass ein Gemälde nicht mehr und nicht weniger beabsichtigen könnte als die Darstellung einer bestimmten Arbeit und der sie Verrichtenden — ohne jede weitergehende Interpretation —, auf diese Idee kommen wir meist erst ganz zuletzt. Adolph Menzels ‚Eisenwalzwerk‘ allerdings lässt uns kaum eine andere Deutung.

adolph-menzel-eisenwalzwerk Das Gemälde zeigt die Herstellung von Eisenbahnschienen im schlesischen Königshütte; in gut hundert Detailskizzen hatte der Maler jeden nur denkbaren Teil des Arbeitsprozesses vor Ort protokolliert, um in seinem Bild eine möglichst hohe Detailtreue zu gewährleisten. Im Zentrum von Menzels ‚Eisenwalzwerk‘ sind Arbeiter damit beschäftigt, das aus dem Ofen herbeigefahrene, noch weißglühende Eisenstück in die erste Walze des Walzenstrangs zu bugsieren. Das vom Werkstück ausgehende Glutlicht vermischt sich dabei mit dem fahlen, durch allgegenwärtigen Rauch und Dampf abgeschwächten Tageslicht. Auf engem Raum hat Menzel weitere für eine solche Werkhalle typische Szenen auf seinem Gemälde versammelt: Links im Vordergrund zieht ein Arbeiter einen geschmiedeten Eisenblock auf einem Handkarren, dahinter sind einige Arbeiter beim Waschen zu sehen, rechts vorne nehmen sie eine Mahlzeit ein, die eine Frau (als einzige blickt sie zum Betrachter) in einem Korb gebracht hat. Durch den Verlauf der Rohre unter dem Dach der Halle hervorgehoben ist links im Hintergrund ein Direktor oder leitender Ingenieur mit rundem Hut beim Inspizieren der Fabrik zu sehen. Die zusammengedrängten Arbeiter und Gerätschaften vermitteln gemeinsam mit dem riesenhaften Rad im hinteren Teil des Gebäudes dem Betrachter beinahe das Gefühl, sich inmitten einer gigantischen Maschine zu befinden.

Die ironische Distanz, die der Künstler in seinen Bildern aus dem Leben der Aristokratie und des höheren Bürgertums zu den Dargestellten wahrte, ist in Adolph Menzels ‚Eisenwalzwerk‘ zwar verschwunden, doch ist in dem Gemälde trotzdem keine Solidarisierung mit den Fabrikarbeitern oder eine Anklage schlechter Arbeitsbedingungen wahrzunehmen. Die Arbeit wird nicht heroisiert, auch wenn das Bild kurze Zeit nach seiner Fertigstellung den Beinamen „Moderne Cyclopen“ erhielt (nach den Gehilfen des römischen Gottes Vulkan, der die Waffen der Götter schmiedete), andererseits werden die Arbeiter nicht zu Opfern stilisiert. Der Künstler zeigt in aller Nüchternheit die Essenz seiner Studien und überlässt das Weitere dem Betrachter. Und wenn uns dieses Vorgehen etwas hilflos zurücklässt, dann wohl deshalb, weil wir Heutigen es schon lange nicht mehr gewohnt sind, von Kunst so respektvoll behandelt zu werden.

-aldus



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