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Hier ist kein Warum. Adolph Menzels ‚Balkonzimmer’ nimmt die Abkürzung zum schönsten aller Augenblicke.

W

under gehen nicht immer mit himmlischen Chören und wankenden Bergen einher. Manchmal ereignen sie sich auch in Gestalt eines kleinformatigen Ölgemäldes, von dem keiner weiß, woher es kam oder wie es seine Wirkung entfaltet. Im Jahr 1845, als Klassizismus und Historismus ihre gewaltigen Heldengedichte sangen, entstand Adolph Menzels ‚Balkonzimmer’, das den Impressionismus um Jahrzehnte vorwegzunehmen scheint, ohne jedes erzählerisches Element, sogar ohne jeglichen außergewöhnlichen Gegenstand auskommt — und doch den Betrachter sofort in seinen Bann schlägt.

adolph-menzel-balkonzimmer Menzels ‚Balkonzimmer’ ist eine Studie, sie entstand als „private Arbeit“, die erst sechzig Jahre nach ihrer Entstehung — im Todesjahr des Künstlers — erstmals ausgestellt wurde. Der erprobende Charakter ist dem Werk an verschiedenen Punkten abzulesen — das Sofa links ist nur angedeutet, im Spiegel dagegen detailliert ausgeführt, der Rahmen des Spiegels besteht nur aus groben Pinselstrichen —, und doch würde das niemand dem Gemälde als Makel anrechnen. Im Gegenteil. Es ist eben diese Flüchtigkeit, diese Unmittelbarkeit, die ihm seinen Charme verleiht, die schon die Zeitgenossen zum Staunen brachte und das Werk zum bis heute wohl beliebtesten Menzels gemacht hat: Mit dieser Absichtslosigkeit schafft es das Gemälde, einzufangen, was sich sonst — je entschlossener, desto zuverlässiger — jedem noch so geschickten Zugriff verweigert: Glück. Glück liegt im Licht, das die Gardinen durchdringt, und im Windhauch, der ihren Saum bewegt; von Glück weiß die beiläufige Anordnung der Stühle, der milde Schimmer des Holzbodens und auch der seltsame, nicht schöne und nicht hässliche weiße Fleck an der Wand, von dem wir nicht wissen und wohl auch nie wissen werden, was er zu bedeuten hat.

Hier ist keine Interpretation und keine Deutung nötig: Menzels ‚Balkonzimmer’ fordert nicht zu kunstwissenschaftlichem Scharfsinn auf, verlangt keine historische oder literarische Vorbildung vom Betrachter und stellt ihn nicht vor intrikate Rätsel. Glück, das spricht das Gemälde mit den klarsten denkbaren Worten, braucht keine verzwickte Handlung und keine rauschenden Ballkleider, es braucht keine großen Kulissen und dramatischen Ereignisse. Es genügt, dass man es zulässt, dass man ihm Raum gibt. Und dass man seinen Augen traut, wenn man es vor der Nase hat.

Aldus



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