adam-elsheimer-flucht-nach-aegypten-thumb

Wer hat recht, die Bibel oder die Naturwissenschaften? Adam Elsheimers ‚Flucht nach Ägypten‘ fällt ein salomonisches Urteil.

D

as Erlebnis einer Sternennacht ist eine derart tief beeindruckende Erfahrung, dass man sich fragt, wieso die bildende Kunst sich ihrer erst so spät angenommen hat — nämlich nicht früher als mit Adam Elsheimers ‚Flucht nach Ägypten‘ aus dem Jahr 1609, in dem erstmals der Sternenhimmel annähernd korrekt wiedergegeben wurde. Einer der Gründe mag das chaotische Durcheinander der Sterne sein, das sich ganz unmittelbar jeder Deutung verschließt — und damit den Absichten einer Malerei zuwiderläuft, der es bis zur Renaissance fast ausschließlich um die Vermittlung von Glaubenswahrheiten zu tun war. Spätestens mit dem Aufkommen der Astronomie durch das Wirken Galileo Galileis und Johannes Keplers jedoch war der Sternenhimmel auch in seiner rätselhaften Unordnung zu einer Wahrheit geworden, die man nicht länger ignorieren konnte.

adam-elsheimer-flucht-nach-aegypten Es gilt heute als sehr wahrscheinlich, dass Adam Elsheimer im Sommer 1609 bei seinem Aufenthalt in Rom den Nachthimmel mit einem frühen Fernrohr betrachten konnte. Elsheimers ‚Flucht nach Ägypten‘, das kurz darauf entstand, ist jedenfalls das erste Gemälde, auf dem Sternbilder relativ genau wiedergegeben werden und die Milchstraße aus einzelnen Sternen zusammengesetzt ist. Auch die Details in der Darstellung des Mondes sind beachtlich, wenn es hierzu auch nicht unbedingt eines Fernrohres bedurft hätte. Was das Fernrohr jedoch unabweislich und nicht nur Elsheimer zeigte, war die Existenz einer Welt aus ganz eigenem Recht, die früher nur als Kulisse für irdische und biblische Wahrheiten diente. Auch in Elsheimers ‚Flucht nach Ägypten‘ ist biblisches Geschehen dargestellt — Josef und Maria fliehen mit dem Jesuskind vor der Verfolgung durch Herodes nach Ägypten —, doch nimmt dieses Geschehen nur einen Teil des unteren Bildrandes ein. Der eigentliche Gegenstand des Gemäldes ist der Nachthimmel. Die frühere Kulisse wird so zum eigentlichen Bildinhalt, doch das Religiöse wird dabei nicht herabgestuft oder dominiert. In Elsheimers ‚Flucht nach Ägypten‘ hüllt der faszinierend detailreiche Sternenhimmel das biblische Geschehen vielmehr harmonisch ein, niemand käme auf die Idee, hier zwei sich gegenseitig ausschließende Welten zu betrachten. Das Gemälde lässt den alten Glaubenswahrheiten ihren Platz, doch es weiß auch: Es gibt keine Wahrheit außerhalb des Sternenhimmels.

-aldus



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar