Lebensart

aldus- Seit der Mensch die Schrift als Abbild der Welt entdeckte, kann er nicht anders, als sie sammeln. In kleinen Kammern zunächst, schließlich in Palästen, die schon von außen erkennen ließen, was sie enthalten sollen: die Welt und den gesamten Kosmos.

J

eder, der mehr als eine Handvoll Bücher sein eigen nennt, kennt diese Frage: „Hast du die alle gelesen?“ Und damit sind wir beim Grundprinzip der Bibliothek: Sie ist nicht die Trophäensammlung eines eifrigen Textjägers, keine Porträtgalerie verflossener Liebschaften, sondern das Eröffnen eines Möglichkeitsraums, eine Parklandschaft aus Wissen, in der nicht nur die Wege, sondern auch die Ausblicke zählen, der verlängerte Arm der Welt, ja — im Idealfall — eine Repräsentation, ein vollständiges Abbild der Welt selbst.

bibliotheken1 Doch die Anfänge sind bescheiden, die ersten Bibliotheken sind kaum etwas anderes als Registraturen mit fest umgrenztem Nutzen: In den Tontafel-Archiven im Zweistromland des vierten Jahrtausends vor Christus finden sich ebenso wie in den Sammlungen von Papyrusrollen, die seit dem dritten Jahrtausend in Ägypten nachweisbar sind, Verwaltungstexte, Inventare und Urkunden gemeinsam mit Mythen und Kulttexten. Diese Archive waren Instrumente der bürokratischen Kontrolle und kultischen Praxis, oft nur einige Quadratmeter groß, für eine kleine Elite und deren Bedienstete bestimmt, noch weit entfernt vom heutigen Konzept einer umfassenden und allgemein zugänglichen Wissenssammlung.

aldus- Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.

Jorge Luis Borges

Im alten Griechenland begegnen Sammlungen von Schrift erstmals auch von Herrschaft und Kult getrennt und freier zugänglich in manchen Gymnasien, Philosophenschulen wie Platons „Akademie“ und auch vereinzelt in Privathaushalten, doch in der stark vom Mündlichen geprägten Kultur der Griechen war die Bibliothek noch immer kein allzu verbreitetes Phänomen. Im Römischen Reich, das sich in kultureller Hinsicht stark an das Griechische anlehnte und so in ganz anderem Maße auf schriftliche Quellen angewiesen war, spielte die Bibliothek eine ungleich wichtigere Rolle, es gehörte geradewegs zur besseren Lebensart, in seinem Privathaushalt eine möglichst umfassende Sammlung von Papyrusrollen zu haben. Zur Zeit Kaiser Konstantins (272–337 n. Chr.) gab es in Rom nicht weniger als 28 öffentliche Bibliotheken, oft dürfte es sich dabei um griechisch-lateinische Doppelbibliotheken gehandelt haben.

bibliotheken2 Die bedeutendste Sammlung des klassischen Altertums war die berühmte Bibliothek von Alexandria, im dritten Jahrhundert vor Christus wahrscheinlich unter König Ptolemaios I. gegründet, als Teil des „Museion“, einer Forschungseinrichtung nach griechischen Vorbildern. Sie war die erste Bibliothek mit wahrhaft universellem Anspruch: Nicht nur das gesamte griechische Schrifttum wurde hier versammelt, sondern ebenso lateinische Werke, persische, indische, kurz: die „bedeutendsten vorhandenen Schriften aller Menschen“, wie der Kirchenvater Irenäus im zweiten Jahrhundert nach Christus schrieb. Nach einem Bericht des Arztes Galen (129–200 n. Chr.) ließ man in Alexandria alle auf eintreffenden Schiffen befindlichen Buchrollen einziehen und in der Bibliothek eiligst kopieren. Auf ihrem Höhepunkt soll die Bibliothek von Alexandria einen Bestand von über 700.000 Buchrollen in ihren Magazinen gehortet haben. Doch die Texte dienten nicht nur einfach dem Studium, Gelehrte zogen die hier versammelten Überlieferungsvarianten etwa der Werke Homers zu Rate, um kritische Editionen herzustellen, also Textfassungen, die der Autorintention möglichst nahe kommen. So wurde die gewaltige Sammlung ihrerseits produktiv. Der große Eindruck, der schon im Altertum von der alexandrinischen Bibliothek ausging, ist ablesbar etwa an der Bibliothek von Pergamon, die als direkte Konkurrentin wahrscheinlich im zweiten Jahrhundert vor Christus an der Westküste Kleinasiens gegründet wurde und immerhin rund 200.000 Rollen umfasste.

bibliotheken3 Doch ihre eigentliche Berühmtheit verdankt die Bibliothek von Alexandria ihrem behaupteten Brand, den eine Militäroperation Cäsars im Jahr 47 vor Christus versehentlich verursacht haben soll. Tatsächlich brannten jedoch wohl nur einige Lager mit für den Export vorgesehenen Papyrusrollen in der Nähe der Bibliothek ab. Der tatsächliche Niedergang der Bibliothek dürfte ein unspektakulärer und schleichender gewesen sein, verursacht in erster Linie durch den allmählichen Aufstieg Roms zum neuen kulturellen und Machtzentrum des Mittelmeerraums, in das aus allen Ecken des Reiches die Buchrollen herbeigeschleppt wurden.

Nach der Blüte der Bibliotheken im Römischen Reich bedeutete die Völkerwanderungszeit ab dem 5. nachristlichen Jahrhundert auch für zahllose Büchersammlungen des Reichs den Untergang. Sehr anschaulich vermittelt das die Legende, in Rom hausende Barbaren hätten die Buchrollen der Bibliotheken verwendet, um sich in den Thermen der Stadt ein warmes Bad zu bereiten. Tatsache ist, dass die Bibliothek als Institution den Zeitraum von der Spätantike bis zum Frühmittelalter praktisch nur in Form der Klosterbibliothek überdauert. In den seltensten Fällen dürfte die Zahl der Bücher — seit dem vierten Jahrhundert hatte der Pergamentcodex die Papyrusrolle verdrängt — dabei mehr als einige Dutzend betragen haben (kein Wunder also, dass man die wenigen Bände oft an Regalen und Pulten festkettete). Der Katalog des Benediktinerklosters auf der Insel Reichenau, einem der bedeutendsten Zentren früh- und hochmittelalterlicher Gelehrsamkeit, verzeichnete für das Jahr 821 nicht mehr als 415 Handschriften. Doch wurden in den Skriptorien der Klöster zahllose Texte der Antike — oft vermittelt über den arabischen Kulturraum — durch Abschriften und Übersetzungen vor dem Vergessen bewahrt. Erst mit Karl dem Großen (747–814) und seiner Aachener Hofschule wurden bemerkenswertere Büchersammlungen dann neben dem klerikalen auch wieder im weltlichen Bereich heimisch.

aldus- Für die Güte einer Bibliothek könnte man denselben Beweis anführen, den Boccaccio für die Religion anführt: sie besteht trotz ihrer Beamten.

Heinrich Heine

bibliotheken4 Die Universitätsgründungen seit dem elften sowie der Aufstieg der Städte zu Wirtschafts- und Bildungszentren ab dem zwölften Jahrhundert beendeten die herausgehobene Stellung der Klöster im Wissenschafts- und Lehrbetrieb, doch auch die ersten städtischen und universitären Bibliotheken sind noch von geringem Umfang. Erst der mit Renaissance und Humanismus einhergehende enorme Text- und Wissenszuwachs machte gemeinsam mit der seit dem 14. Jahrhundert immer mehr üblichen Verwendung von Papier anstelle des teuren Pergaments und natürlich mit Erfindung des Buchdrucks seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die raum- und saalfüllenden Bibliotheken möglich, die nun rasch als Zeichen der Gelehrsamkeit aber auch der materiellen Möglichkeiten in Klöstern und Patrizierhäusern, an Adelshöfen und Universitäten entstanden.

bibliotheken5 Die bedeutendste Renaissancebibliothek im deutschen Sprachraum war unzweifelhaft die berühmte Bibliotheca Palatina in Heidelberg, die Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz (1502–1559) aus eigenen und geistlichen Sammlungen sowie den Beständen der Universität zusammenstellte. In ihr befand sich unter anderem das Lorscher Evangeliar aus der Hofschule Karls des Großen, das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. und der hochmittelalterliche Codex Manesse, die bedeutendste erhaltene Sammlung deutscher Minnelieder. Insbesondere diese Altbestände von unschätzbarem Wert verschafften ihr Ende des 16. Jahrhunderts den Ehrentitel „Mutter aller Bibliotheken“. Nach der Einnahme Heidelbergs durch die katholische Liga 1622 wurden die Bestände in die Vatikanische Bibliothek abtransportiert und sind heute nur zu einem kleinen Teil wieder in Heidelberg versammelt.

Als eine weitere bedeutende der aus dem Geist des Humanismus entstehenden Bibliotheken etablierte sich die 1572 von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründete Wolfenbütteler Bibliothek. Im 17. Jahrhundert war sie mit rund 35.000 Bänden — das entspricht in etwa der Textmasse der antiken Bibliothek von Alexandria — das größte Bücherhaus nördlich der Alpen und galt als „das achte Weltwunder“. 1706–1710 wurde für die Wolfenbütteler Bibliothek mit der berühmten „Rotunde“ der erste freistehende weltliche Bibliotheksbau Europas errichtet.

bibliotheken6 Im Zeitalter des Barock mit seinem ausgeprägten Sinn für effektvolle Inszenierungen wurde der Repräsentationscharakter der Bibliothek oft ganz unzweideutig in den Vordergrund gerückt, auch in geistlichen Einrichtungen, doch vor allem im weltlichen Bereich. Bestes Beispiel ist die 1735 vollendete kaiserliche Hofbibliothek in Wien mit ihrem 78 Meter langen, knapp 20 Meter hohen und mit einer riesigen Kuppel bekrönten Bibliotheksraum, der die damals sagenhafte Menge von rund 200.000 Bänden aufnahm. Die Buchrücken wurden in solchen Bibliotheken oft uniform weiß gekalkt, so dass die Geschlossenheit der Bücherwände noch beeindruckender wirkte — im Effekt jedoch wurde Wissen zu einem Gegenstand degradiert, der sich dem Geltungsbedürfnis des geistlichen oder weltlichen Herrschers unterzuordnen hatte.

bibliotheken7 Die Aufklärung sorgte hier für ein gewisses Umdenken,  im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts entstand langsam die öffentliche — also tatsächlich allen Bevölkerungsgruppen zugängliche — Universalbibliothek moderner Prägung. Noch immer aber wurden Bibliotheken zur Legitimation von Herrschaft benutzt: Mit dem Aufkommen der Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert dienten sie nun dazu, Wissen und Tradition einer Sprach- oder Kulturgemeinschaft zentral zu bündeln und damit den Führungsanspruch der jeweils herrschenden Kaste ebenso wie den der jeweiligen Nation in Konkurrenz mit anderen Staaten augenfällig zu machen. Die ersten Nationalbibliotheken stehen deshalb in Dimension und Formensprache den früheren Fürsten- und königlichen Bibliotheken in nichts nach — wie etwa am 1868 eingeweihten, von neun Kuppeln überwölbten Lesesaal der Pariser Bibliothèque Nationale oder der nicht anders als megaloman zu nennenden Library of Congress in Washington (1897 eröffnet) abzulesen ist. Nur langsam wurde seitdem der Weg hin zu einer pragmatischeren Funktionalarchitektur beschritten, die nun das Wissen und seine Vermittlung in den Vordergrund stellte.

Die Umbrüche des 20. Jahrhunderts haben im Kulturellen und Gesellschaftlichen keinen Stein auf dem anderen gelassen, die digitale Revolution verspricht, alle Information der Welt verzögerungsfrei an jeden Schreibtisch zu liefern. Doch Bibliotheken werden noch immer gebaut und versammeln Bestände zum Teil im zweistelligen Millionenbereich. Seit jeher hat der Mensch Häuser gebaut für Menschen und Dinge, die ihm etwas bedeuten, und noch immer ist ihm Wissen so wichtig, dass er es nicht im Ortlos-Ungefähren ablegen oder dem Gutdünken eines amerikanischen Unternehmens mit lustigem Namen überlassen will. Es sieht also vorerst nicht schlecht aus für die nächsten 6000 Jahre Bibliotheksgeschichte.

-aldus

Candida Höfer: Bibliotheken. München: Schirmer / Mosel 2005.
Uwe Jochum: Geschichte der abendländischen Bibliotheken. Darmstadt: Primus 2010.
Engelbert Plassmann und Jürgen Seefeldt: Das Bibliothekswesen der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Harrassowitz 1999.
www.bibliotheksbauten.de

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