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aldus- Los Angeles steht für glänzendes Showbiz, sonnigen Optimismus und die Verwirklichung des amerikanischen Traums. Doch Mitte des vergangenen Jahrhunderts wagte der Schriftsteller Raymond Chandler einen Blick hinter die Kulissen ins Herz der Metropole — und das jeder Großstadt. Ein Bericht aus dem Abgrund.

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rüher oder später bekommt jede Stadt einen Bewohner, der sie auf den Punkt bringt: Niemand verstand London wirklich vor Charles Dickens, erst Baudelaire stellte die Frage, auf die Paris die Antwort ist, und auch Los Angeles bekam schließlich, was es verdiente: Raymond Chandler. Geboren in Chicago und in England aufgewachsen zog er 1913 im Alter von 25 Jahren in die Stadt, der er zwischen 1939 und 1958 in sieben Romanen ein bleibendes Denkmal setzte. Sie alle haben dieselbe Hauptfigur (der Ausdruck Held wäre übertrieben): Philip Marlowe, Privatdetektiv, kaltschnäuzig und doch warmherzig, stets knapp bei Kasse, trotzdem LA1 großzügig, ewig eine Zigarette im Mundwinkel und einen Kater im Schädel, von Frauen angezogen, aber keiner erlegen. Er weiß selbst nicht recht, weshalb er seinen Beruf ausübt: „Ich bin ein Romantiker ... manchmal höre ich nachts Schreie und dann gehe ich nachsehen, was los ist. Dabei verdient man keinen Penny. Wenn man noch seine fünf Sinne beisammen hat, macht man das Fenster zu und dreht den Fernseher lauter.“ (‚The Long Good-bye’) Und früher oder später sitzen sie alle vor seinem Schreibtisch in dem kleinen, schäbigen Büro am Hollywood Boulevard: Kleinkriminelle und große Fische, aufstrebende Schauspielerinnen und Damen der Gesellschaft, Verliebte, Verzweifelte, Verlogene — sie alle haben ihren Anteil an Marlowes Welt. Die wichtigste Rolle aber spielt die LA3 Stadt selbst, Los Angeles. Marlowe kann ohne diese Stadt nicht leben, doch er beschreibt sie uns ohne jede Romantik — vom eklektischen Stilgemenge der Innenstadt, die wirkt, als sei sie dem Alptraum eines Architekturhistorikers entsprungen, bis hin zu den Ölsümpfen des Umlandes und den furchtbaren Geheimnissen, die in ihnen ruhen. Wir streifen durch Downtown mit seinen heruntergekommenen Hotels, „wo sich nur Leute mit den Namen Smith oder Jones einschreiben“, darin geduckte Männer mit verstohlenen Blicken und Frauen „mit Gesichtern wie abgestandenes Bier“. Beverly Hills lockt mit prächtig geschmacklosen Villen, deren Bewohner glauben, eine „ganz besondere Marke Sonnenschein“ zu genießen, ebenso die malerisch gelegene, dabei durch und durch korrupte Küstenstadt Santa Monica: „Der Name ist wie ein Lied. Ein Lied in einer schmutzigen Badewanne.“ Und, LA6 natürlich: Hollywood, das Los Angeles zu dem macht, das es ist: „‚Wir haben die aufgedonnerten Restaurants, Nachtklubs und das Gesindel einer hartgekochten Großstadt mit weniger Persönlichkeit als ein Pappbecher.’ — ‚Es ist dasselbe in jeder Großstadt, Amigo.’ — ‚Eine echte Großstadt hat noch etwas anderes, irgendeine knochige Struktur unter dem Mist. Los Angeles hat Hollywood — und hasst es. Es sollte sich verdammt glücklich schätzen. Ohne Hollywood wäre es eine Versandhausstadt: Nichts im Katalog, das man nicht woanders besser bekäme.’“ (‚The Little Sister’)

aldus- Ich brauchte einen Drink, ich brauchte eine Lebensversicherung, ich brauchte einen Urlaub, ich brauchte ein Häuschen im Grünen. Was ich hatte, war ein Mantel, ein Hut und ein Revolver. Ich legte sie an und verließ das Hotel.
Raymond Chandler, ‚Farewell My Lovely’, 1940

LA4 Allen Gegenden der Stadt gemeinsam ist der gnadenlose Ehrgeiz, der seine Bewohner erfüllt. Niemand ist zu reich, um nicht hungrig nach mehr zu sein, niemand vom Schicksal zu gebeutelt, um sich nicht Hals über Kopf ins nächste Unheil zu stürzen — auf der ewigen Suche nach dem ganz großen Los. Es ist die Gier, die Los Angeles im Griff hat, die seine Bewohner zerfrisst und korrumpiert. Und folgerichtig zeigt Chandler die Stadt oft so, wie sie in ihrem Innern tatsächlich ist: stockfinster. Gebannt schwelgt er in der Schönheit und Abgründigkeit der nächtlichen Großstadt, beschreibt ihre gleißenden Lichter, die bedrohlichen, wandernden Schatten und die Menschen, die sich in ihnen verbergen: „‚Gib mir das Geld.’ Der Motor des grauen Plymouth grollte unter ihrer Stimme und der Regen prasselte darüber. Das violette Licht auf der Spitze des grünlichen Bullock-Towers war fern über uns, ruhig und zurückgezogen von der dunklen, triefenden Stadt.“ (‚The Big Sleep’) Diese Feier der dunklen Stadt inspirierte ein ganzes Genre, den Film Noir, der durch Werke wie ‚Murder, My Sweet’ (1944) die Figur Philip Marlowes und überhaupt den Typus des zynischen, doch gutmütigen Privatdetektivs weltberühmt machte. Vielen gilt hierbei Humphrey Bogart als ideale Besetzung, am nächsten an Chandlers Stil ist jedoch eher Robert Mitchum im großartigen Noir ‚Out of the Past’ (1947), der die nachdenkliche Ruhe und Wortkargheit, auch die körperliche Wucht des Vorbilds besser vermittelt als der kleingewachsene Schnellsprecher Bogart.

aldus- Als ich nach Hause kam, mixte ich mir einen ordentlichen Drink, ging zum offenen Wohnzimmerfenster, nahm einen Schluck und lauschte der Dünung des Verkehrs auf dem Laurel Canyon Boulevard. Ich betrachtete den Glanz der großen, zornigen Stadt, die über die Schultern der Hügel hing, durch die man den Boulevard geschnitten hatte. Weit entfernt schwoll das Sirenengeheul von Polizei und Feuerwehr an und ebbte wieder ab, niemals für längere Zeit stumm. 24 Stunden am Tag rennt jemand davon, jemand anderes versucht, ihn zu erwischen. Da draußen in einer Nacht aus tausend Verbrechen starben Menschen, wurden verstümmelt, von fliegendem Glas verwundet, gegen Lenkräder geschleudert oder unter schwere Reifen. Menschen wurden geschlagen, ausgeraubt, gewürgt, vergewaltigt und ermordet. Menschen waren hungrig, krank, gelangweilt, verzweifelt vor Einsamkeit oder Reue oder Angst, zornig, grausam, fiebrig, geschüttelt von Schluchzern. Eine Stadt, nicht schlechter als andere Städte, eine prächtige, kraftstrotzende, stolze Stadt, eine vorlorene Stadt, niedergeschlagen und voller Leere. Es hängt ganz davon ab, was dein Standpunkt ist. Ich hatte keinen. Es war mir egal. Ich trank aus und ging zu Bett.
‚The Long Goodbye’, 1954

Los Angeles hat sich lange schwergetan mit der Ehrung seines wortmächtigen Kritikers Raymond Chandler. Und dabei übersehen, dass es Chandler eigentlich nie um Los Angeles selbst ging, sondern um das, was jede Großstadt ausmacht und die Menschen, die sich in ihnen drängen: Nämlich die Dunkelheit in jedem von uns und der freie Wille, der es uns erlaubt, uns gegen sie zu entscheiden. Dass es Gott bei der Krone der Schöpfung um ein Wesen ging, das zwischen Affe und Engel steht, mit der Möglichkeit zu beidem. Und zwischen riesenhaften Schlägertypen und verführerischen Schönheiten versucht Philip Marlowe in all seinen Abenteuern nur eines zu sein: ein Mensch.

-aldus

Elizabeth Ward, Alain Silver: Raymond Chandler’s Los Angeles. A Photographic Odyssey [...]. Woodstock: Overlook 1987.
Eddie Muller: Dark City. The Lost World of Film Noir. New York: St. Martin’s 1998.
www.mordlust.de

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