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aldus- Kann etwas so Profanes wie eine Teekanne Auskunft über eine ganze Epoche geben? Die Bauhaus-Teekanne MBTK 24 begeistert seit Generationen mit weit mehr als ihrer Tropffreiheit.

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as Jahr 1924 ist nicht weniger als eine Zeitenwende: Nach Inflation und politischen Wirren markiert es den Beginn der „Goldenen Zwanziger“ in Deutschland und kaum ein Kunstobjekt, geschweige denn ein Gebrauchsgegenstand, bringt die Aufbruchsstimmung dieser Zeit so präzise auf den Punkt wie die sogenannte Bauhaus-Teekanne MBTK 24 mit ihrem mondänen Optimismus und sachlichen Esprit.

bauhaus-teekanne-mbtk-24 Marianne Brandt hatte 1924 gerade ihr Studium am Bauhaus in Weimar begonnen, als sie im selben Jahr ihrem Lehrer László Moholy-Nagy den Entwurf ihrer Teekanne vorlegte. Als erste Frau hatte sie Zugang zur Metallwerkstätte des Bauhauses erlangt (bis dahin waren Frauen nur für die Bereiche Weberei und Keramik zugelassen), die hohen Erwartungen an sie erfüllte sie mit der nüchtern bezeichneten MBTK 24 auf einem Schlag: Überraschend und doch einleuchtend löst sie die vertraute Alltagsform auf in eine elegante Gruppierung der Grundformen Kreis, Kugel und Quadrat. In der Bauhaus-Teekanne verwirklichte sich in vorbildlicher Weise der Anspruch der Schule, mit Formmustern alltäglicher Gegenstände den Anschluss an die Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst wieder herzustellen. Tatsächlich finden sich in der MBTK 24 nicht nur Reminiszenzen an den Art Déco und natürlich klare Hinweise auf den Konstruktivismus, sondern es stellen sich auch unwillkürlich Assoziationen an Werke etwa eines Kandinsky ein, der von 1922 bis 1933 am Bauhaus lehrte. Darüber hinaus kommen auch funktionale Aspekte in der Bauhaus-Teekanne zu ihrem Recht. Marianne Brandt war der Überzeugung, „dass ein Ding zweckdienlichst in seiner Funktion und materialgerecht schön sein müsse“ — und man sieht es der Kanne förmlich an, wie gut ausbalanciert sie ist, wie perfekt ihr Griff in der Hand liegt — Brandt war sich auch nicht zu schade, jedes hergestellte Exemplar eigens auf seine Tropffreiheit hin zu überprüfen.

Im Einklang mit dem Selbstverständnis der Werkstätten sollte Marianne Brandts Bauhaus-Teekanne als Formmuster für die massenhafte industrielle Herstellung dienen, die von ihr angefertigten Exemplare aus Silber und Ebenholz waren allerdings allein schon von den Materialien her nicht für einen Massenmarkt geeignet. Nur sieben Prototypen der Teekanne entstanden, sie befinden sich heute sämtlich in Museen (darunter das British Museum und das Museum of Modern Art, New York). Das einzige in Privathand verbliebene Original erzielte bei einer Sotheby’s-Auktion des Jahres 2007 die sagenhafte Summe von 361.000 Dollar — der höchste Preis, der je für einen Gegenstand aus dem Bauhaus bezahlt wurde. Auch heute noch sind lizensierte Fertigungen der Bauhaus-Teekanne alles andere als erschwinglich — und so dürfte zumindest dieses Objekt das Bauhaus-Ziel verfehlt haben, Kunst und Ästhetik in den Alltag möglichst vieler Menschen zu bringen. Und doch ist dem Kännchen zuletzt massenhafte Verbreitung zuteil geworden: Seit 1998 dient es auf einer Briefmarke der Deutschen Post als Beispiel für „Design in Deutschland“.

-aldus




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