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Eines der wenigen echten Genies der Kunstgeschichte, doch seine Liebe zum Ich blieb tragisch. Horst Janssens Selbstportraits und die Kunst, die eigene Begabung zu überleben.

W

ohl kaum ein zweiter Künstler hat sich derart obsessiv dem Genre des Selbstportraits gewidmet wie Horst Janssen (1929–1995). Hunderte vor allem graphische Blätter in allen Formaten hat er hinterlassen, doch schon die Betrachtung nur weniger Werke macht überdeutlich, dass jedenfalls Selbstverliebtheit hier nicht der Antrieb war. Im Gegenteil, allein schon die schiere Masse von Horst Janssens Selbstportraits geht konform mit einem Grundprinzip, das sich in vielen, vielleicht den allermeisten Exemplaren unmittelbar nachvollziehen lässt — dem der Selbstzerstörung.

horst-janssen-selbstportrait-set Allein schon die künstlerische Technik, die bei vielen von Horst Janssens Selbstportraits zum Einsatz kommt, ist wenig geeignet, schmeichelhafte Selbstbilder zu entwerfen. Ein zittriger, nervöser Federstrich setzt sich mehr mit den Linien des Gesichts auseinander, geht sie an, arbeitet sich an ihnen ab, als dass er sie wohlwollend nachzeichnete. Meist ist der Gesichtsausdruck kein willensfestes Fixieren, sondern eher ein ermattetes Schauen in den Spiegel des Papiers; immer wieder auch Erstaunen, wie über die Anmaßung des Spiegelbildes, etwas mit dem eigenen Ich zu tun haben zu wollen, häufig ein fahriges Zerfingern der eigenen Züge bis hin zur wütenden Selbstzerstörung — manche Blätter entfalten im Reißen ihrer Federstriche nicht weniger als eine Ich-Apokalypse. Mit eigentlichem Selbsthass wird das nicht allzuviel zu tun haben, spürbar scheint vielmehr eine ungeheure Kraft des Erkennens, die sich von den Oberflächlichkeiten der eigenen Gesichtszüge ebensowenig aufhalten lässt wie ein Sturm von einer Baumkrone.

In den allermeisten, vielleicht auf die ein oder andere Weise in allen von Horst Janssens Selbstportraits findet eine Auseinandersetzung mit dem Tod statt. Teils ist es nur die unendliche Trauer in den Augen, die das Wissen um ihn heraufbeschwört, dann wieder geht das Gesicht geradewegs physisch in einen Totenschädel über. Häufiger ist eine komplexe Deformation des Selbst, meist ein kraftloses Zerfließenlassen zum Tod hin, eine Selbstaufgabe, mal traurig und phlegmatisch, dann wieder trotzig und aufsässig, vereinzelt bis hin zur Euphorie — so in der Radierung ‚ich sterbe nicht — ich BIN der Tod‘, eine Erkenntnis, die im Antlitz des eigenen Selbst wie eine seltsam rettende Eingebung aufleuchtet. Die Gewissheit, dem eigenen Selbst entronnen zu sein, tröstet über nicht weniger als den Tod.

horst-janssen-selbstportrait In manchen von Horst Janssens Selbstportraits aber findet sich eine gefasste, konzentrierte Entschlossenheit, deren Trotzdem die Todesfurcht zumindest vorübergehend in Zaum zu halten vermag, im besten Fall ein Maß an kritischer, heiterer Selbstreflexion, das die Kämpfe der allermeisten übrigen Portraits vergessen macht, so im Blatt ‚Glücklich — gemütlich 10.00‘ aus dem Jahr 1969. Eine Begabung wie die Horst Janssens, soviel ist klar, lässt ihren Träger nicht heil davonkommen, und die Leidensspur des solcherart Belasteten ist sein Werk. Doch in seinem Selbstportrait ‚Glücklich — gemütlich 10.00‘ lässt sich für einen Augenblick die Beschaffenheit einer Welt erahnen, die sich ein Genie vom Range Janssens schüfe, wäre es nicht unerbittlich an die infamen Niedrigkeiten des Irdischen gebunden. Immer noch ist die Linienführung und sind die Schattierungen hochkomplex, stellenweise beinahe arbiträr, doch sie wenden sich nicht gegen das eigene Ich, mehr muten sie an wie das heitere Spiel eines glücklich sich selbst überlassenen Kindes. Dieser Blick in den Spiegel ist einer, der um die Brüche des eigenen Selbst weiß, aber dieses eine Mal darauf verzichtet, den Spalthammer an sie zu setzen. Auch in dieser Radierung macht das Genie des Künstlers aus, was ebenso die übrigen von Horst Janssens Selbstportraits auszeichnet — all die Schroffheit, das Abgerissene, Zerfahrene und Groteske bildet nur den zerklüfteten Rand um den einen Abgrund, den mörderischsten von allen, der im Zentrum des gesamten Werks von Horst Janssen klafft, nicht nur in seinen Selbstportraits, und in den zu werfen es uns ermutigt: den Abgrund der Schönheit aller Dinge.

-aldus



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