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Schaumflocken im Wind. Hokusais ‚Große Welle vor Kanagawa‘ entwirft ein realistisches Menschenbild.

E

s ist das bekannteste Bild Katsushika Hokusais und vielleicht das berühmteste japanische Kunstwerk überhaupt. Hokusais ‚Große Welle vor Kanagawa‘, als Teil der Serie ‚36 Ansichten des Berges Fuji‘ zwischen 1830 und 1836 entstanden, hat sich unauslöschlich ins weltweite Bildgedächtnis eingeprägt. Der Schnitt fasziniert vor allem durch den künstlerischen Eigenwillen, mit dem die namengebende Woge stilisiert wird: Sie ist in eine kräftige Umrisszeichnung gefasst, ihr Körper wird von deutlich kontrastierenden Bögen strukturiert, wie hundert Arme greifen die Zacken ihrer Schaumkrone aus, die Gischt ist kein Schleier, sondern eine Vielzahl scharfrandiger Kreise. Doch trotz der klaren Linienführung, die zu einem nicht geringen Teil natürlich der Technik des Farbholzschnittes geschuldet ist, wirkt die Welle nicht statisch: Im nächsten Augenblick, daran besteht kein Zweifel, wird sie über den drei verzweifelt kämpfenden Ruderbooten zusammenbrechen.

hokusai-grosse-welle-vor-kanagawa Doch Hokusais ‚Große Welle vor Kanagawa‘ zeichnet mehr aus als eine treffende Naturbeobachtung. Auf berückend einleuchtende Weise ist der Berg Fuji im Hintergrund in das dramatische Geschehen eingebunden. Auf den ersten Blick könnte man auch ihn für eine schaumbedeckte Welle halten, doch bei näherem Hinsehen ist es der jedem Japaner altvertraute Anblick des Fuji-san, des „lieben Fuji“, wie sein Ehrentitel lautet. Hier hat er nun die Größe, sich von einer nur wenige Meter hohen Meereswoge zum Zwerg machen zu lassen. Und wenn schon der Berg schrumpft — wie ergeht es erst den Menschen in Hokusais ‚Großer Welle‘: Beinahe gesichtslos ducken sie sich in ein uniform blaues Gewand gehüllt in ihre Boote, keinerlei individuelle Merkmale unterscheiden sie. Und wenn die Zeichnung und Farbgebung des Berges ihn den Wellen an die Seite stellt, so sind die runden, weißen Köpfe der Menschen — die Deutung ist nicht von der Hand zu weisen — nichts anderes als die Genossen der weißen Gischtflocken, die das Haupt der großen Woge umtanzen. Der größte Berg Japans eine kleine Woge aus Fels, wacker sich abmühende Menschen nur Schaumfetzen im Wind. Hokusais ‚Große Welle vor Kanagawa‘ stellt „Größe“ als sinnlose Kategorie bloß. Und ersetzt sie durch die zeitlose Schönheit eines winzigen Augenblicks.

-aldus



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