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aldus- Schon lange ist Rauchen politisch unkorrekt. Doch was ist dann erst Zigarrenrauchen? Eine Frechheit, ein Affront … Aber welch ein genussvoller! Anstiftung zu einem Laster, das nicht so recht in unsere Zeit zu passen scheint.

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in Wein ist rasch probiert, Käse schnell verkostet und mit zwei, drei netten Begriffen auf den Punkt gebracht, ein Espresso geht auch mal eben im Stehen. Doch eine Zigarre? Ein anspruchsvolleres Genussmittel als sie gibt es kaum. Schon ihre Herstellung ist höchst komplex, sie muss reifen, sie muss sorgfältigst aufbewahrt werden. Zündet man sie an, so muss man sich Zeit für sie nehmen, genau hinsehen und -schmecken, das richtige Tempo finden und auch den richtigen Augenblick, sie beiseite zu legen. Anders als eine Zigarette raucht man eine Zigarre nicht nebenher: Sie ist ein mit Bedacht abgegebenes Votum für Lebensart, ein Akt der Entspannung und des Genusses, für den dem man sich bewusst entscheidet. So wirkt sie in unserer Zeit, die geprägt ist von ständiger Verfügbarkeit und Multitasking, wie ein Anachronismus und vielleicht ist sie das auch. Aber einer, der täglich neue Freunde gewinnt.

zigarren1 Abgeleitet von „zikar“, dem Maya-Wort für Rauchen, ist die Zigarre seit Jahrhunderten ein Bestandteil der abendländischen Genusskultur. Sie kommt mittlerweile aus den verschiedensten Teilen der Erde, doch nach wie vor gilt Kuba unangefochten als das Herkunftsland der hochwertigsten Zigarren. Nirgends sonst hat man die vielfältigen zu ihrer Herstellung notwendigen Handwerkstechniken so perfektioniert. Zwei Sorten Tabak werden im wesentlichen für eine Zigarre benötigt: Für das Deckblatt kommen nur handverlesene, entrippte Blätter des tabaco tapado in Frage: Hierbei wird die Pflanze durch Tüllschleier (tapados) beschattet, die verhindern, dass die Blätter in einer Schutzreaktion auf das Sonnenlicht zu ölig werden. So bleiben die Blätter geschmeidig und glatt. Einlage und Umblatt dagegen bestehen aus tabaco del sol, dessen Blätter dem Sonnenlicht unbedeckt ausgesetzt sind. Die Einlage wird aus einzelnen, in Längsrichtung zusammengefügten Blättern gefertigt — so entstehen Kanäle, durch die der Rauch gut ziehen kann. Drei verschiedene Arten Blätter bilden für gewöhnlich die Mischung der Einlage: Die Blätter vom oberen Teil der Tabakpflanze (ligero) sind dunkel und voll im Geschmack, da sie in Reaktion auf intensives Sonnenlicht besonders viele Öle bilden. Sie brennen langsam und kommen daher in die Mitte der Zigarre. Blätter aus den mittleren Bereichen der Pflanze (seco) sind heller und im Geschmack weniger intensiv, die vom Fuß der Pflanze (volado) haben wenig bis gar keinen Geschmack, besitzen aber gute Brandeigenschaften.

zigarren2 Die richtige Zusammenstellung der Einlage ist eine hohe Kunst, denn neben dem Aroma (mild bis stark, dabei stets ausgewogen) müssen auch Struktur (wie kann der Rauch die Zigarre durchströmen?) und Brandeigenschaften (gleichmäßig und in der richtigen Geschwindigkeit) bedacht werden. Eine gute Zigarrenmanufaktur greift hierbei stets auf Tabake verschiedener Ernten und Plantagen zurück, um eine beständige, gleichbleibende Qualität zu gewährleisten.

Ist die Mischung der Einlage zusammengestellt, wird sie in das Umblatt gewickelt, das meist aus zwei Hälften eines groben, aufgrund seiner guten Zugfestigkeit ausgewählten Blattes besteht. Die so entstandene „Puppe“ wird nun in einer hölzernen Form gepresst und erst danach in das empfindliche Deckblatt gehüllt. Zuletzt wird mit einem Blattrestchen der Kopf ausgeformt — vereinzelt wird er auch durch das Zudrehen des Deckblatts gebildet — und die Zigarre am offenen Ende auf die richtige Länge gekürzt.

zigarren6 Erstklassige Zigarren werden ausnahmslos von Hand gefertigt, maschinell hergestellte sind ihnen in jedem Fall qualitativ unterlegen. Da in ihnen kürzere Einlageblätter verwendet werden (das heißt solche, die nicht über die gesamte Länge der Zigarre gehen — auch geradewegs Tabakbruch), brennen maschinell hergestellte Zigarren schneller und werden heißer. Auch ihre Um- und Deckblätter sind üblicherweise von schlechterer Qualität, bis hin zu sogenanntem „homogenisierten Tabak“, was nichts anderes ist, als aus Tabak hergestelltes Papier.

Nach der Fertigung werden die Zigarren nach Farben sortiert, kubanische Experten unterscheiden hier zwischen nicht weniger als 92 Schattierungen. In eine Kiste gelangen nur Zigarren der gleichen Grundfarbe, wobei das dunkelste Exemplar stets links, das hellste rechts zu liegen kommt. Echte Havannas erhalten zuletzt auf ihre Zedernholzkiste das berühmte Garantiesiegel „puros habanos“, wobei „puro“ „rein“ bedeutet, heute jedoch auch ein Synonym für Zigarre geworden ist. Die beste Qualität garantiert der Vermerk „Hecho en Cuba. Totalmente a mano“ — nur bei dieser Bezeichnung kann man sicher sein, kubanische Zigarren vor sich zu haben, die in jedem Herstellungsschritt von Hand gefertigt wurden.

aldus- Die Lebenskunst ist eine Kultur, die von Lebensart, von Respekt und von Toleranz genährt wird. Die Kunst, eine Zigarre zu genießen, ist dasselbe.
Zino Davidoff

Eine gute Beratung ist beim Zigarrenkauf besonders für Einsteiger unerlässlich, ebenso wie ein wenig Zeit: Man sollte darauf achten, dass sich die Zigarre glatt anfühlt, sie darf beim Zusammendrücken nicht knistern (dann wäre sie alt oder trocken) und muss danach in ihre ursprüngliche Form zurückkehren. Ihr Deckblatt sollte weich, gleichmäßig und fleckenlos sein (winzige weiße Pünktchen von geringfügig zu viel Feuchtigkeit sind akzeptabel). Auch sollte man ruhig an der Zigarre riechen, um ihr Bouquet zu prüfen, entweder an der Zigarre selbst oder an ihrem Platz in der Kiste.

zigarren7 In jedem besseren Fachgeschäft wird man von der verfügbaren Auswahl schier erschlagen — nach welchen Kriterien sollte man sich also entscheiden? Nur die wenigsten Herkunfstregionen haben einen für alle Produkte gültigen Grundcharakter. Auch die Farbe des Deckblattes ist zunächst einmal nur bedingt aussagekräftig, da es nur sehr wenig zum Geschmack der Zigarre beisteuert. Das Format ist ein wichtiger Faktor (wobei man mit einzelnen Begriffen vorsichtig sein sollte — sie differieren oft von Hersteller zu Hersteller): Der wichtigste Unterschied ist hierbei die Rauchdauer, sie beträgt beim beliebten Format Corona etwa 45 Minuten, der Genuss einer Zigarre im Churchill-Format kann sich über bis zu 90 Minuten erstrecken. Die Zigarre muss also in dieser Hinsicht zur Gelegenheit passen. Einigen kleineren Formaten wie Half Robusto, Petit Corona oder Panetela mangelt es teils an Feinheit, sie können bitter oder scharf wirken. Größere Formate mit stärkerer Dicke haben oft ein volleres Aroma, da ihre Einlage üblicherweise mehr kräftige ligero-Blätter aufweist, doch gibt es Ausnahmen. Zudem lässt der im Vergleich zur Länge größere Durchmesser bei dicken Zigarren auch zurückhaltendere Aromen gut zur Entfaltung kommen.

aldus- Wichtige Formate
(Länge in mm, Ringmaß in 1/64 Zoll)
Gran Corona:            235 / 47
Doppel-Corona:         200 / 49
Churchill:                 178 / 47
Pyramide, Torpedo:  156 / 52
Belicoso:                  140 / 52
Robusto:                  127 / 50
Especial:                  191 / 38
Lange Panetela:       178 / 36
Lonsdale:                 165 / 42
Corona Gorda:          143 / 46
Corona:                    140 / 42
Kleine Corona:          127 / 42
Perla:                       102 / 40
Panetela:                  114 / 26
Demi-Tasse:             102 / 30

Welche Zigarre zu welcher Tageszeit die richtige ist, hierüber gehen die Meinungen stark auseinander, der eigene Geschmack ist in dieser Frage allein maßgeblich. Im Zusammenhang mit einem guten Essen bzw. Alkohol gibt es eher Konsens: Nach einem leichteren mediterranen Menü sind eher runde, aromatische Zigarren geeignet (Punch, Partagás), nach asiatischer Küche oder anderen stark gewürzten Speisen bevorzugen viele Raucher milde und frische Zigarren (Saint Luis Rey, Hoyo de Monterrey, El Rey del Mundo). Die verschiedensten Zigarren werden gern mit Whisky kombiniert, wobei der torfige Geschmack eines guten schottischen Single Malts oft als der ideale Begleiter wahrgenommen wird. Auch zu anderen Bränden passen Zigarren hervorragend, bittere Spirituosen ausgenommen. Zu Süßweinen eignet sich besonders eine abgerundete Zigarre wie die H. Upmann Connoisseur No. 1, Champagner macht sich gut mit einer aromatisch-leichten Zigarre in handlichem Format, etwa der Gérard Père et Fils 444.

Geht es nun ans Genießen, so ist zunächst das Anschneiden zu meistern. Hier gibt es verschiedenste Hilfsmittel, wichtig ist, dass man einen sehr scharfen Gegenstand benutzt (also weder Zähne noch Fingernägel) und mit diesem ein Loch von etwa ¾ des Zigarrendurchmessers schneidet. Vom Aufstechen oder Anbohren des Kopfes wird oft abgeraten, in der kleinen Öffnung sammeln sich Tabaksäfte leichter und können den Geschmack beeinträchtigen. Ob man die Binde abnimmt oder nicht, ist Geschmackssache. In England wurde es seit jeher als schlechter Stil angesehen, die gerauchte Marke zu präsentieren, im restlichen Europa und in den USA ist man traditionell weniger heikel. Wenn man sie abnehmen möchte, sollte man die Zigarre erst einige Minuten rauchen, um mit der Wärme den Klebstoff, mit dem die Binde befestigt ist, zu lösen — sonst läuft man Gefahr, das Deckblatt zu beschädigen.

zigarren3 Beim Anzünden darf auf keinen Fall ein Benzinfeuerzeug oder schwefelhaltige Streichhölzer zum Einsatz kommen (sie verfälschen den Geschmack), stattdessen bieten sich Holzspan oder Gasfeuerzeug an. Die Zigarre wird nun erst waagrecht langsam über der Flamme gedreht, bis sich ein gleichmäßiger Aschering gebildet hat, dann erst der Fuß etwa einen Zentimeter von der Flamme entfernt gehalten und gezogen. Der Rauch wird selbstverständlich nicht inhaliert, auch wird eine Zigarre nicht in Zigarettengeschwindigkeit verkonsumiert: Etwa ein Zug pro Minute kann als Richtschnur gelten. Die Asche kann vorsichtig abgeklopft werden, doch am besten erst, wenn sich bereits eine Bruchstelle gebildet hat. Während des Rauchens kann es passieren, dass die Zigarre ausgeht, das ist ein normaler Vorgang, besonders nach einiger Brenndauer: Einfach die Asche abklopfen und die Zigarre wieder anzünden. Eine erloschene Zigarre kann auch einige Stunden ruhen, ohne dass der Geschmack ernsthaft leidet. Geraucht werden sollte eine Zigarre nur etwa bis zum letzten Drittel oder Viertel — spätestens aber, wenn der Rauch beginnt, heiß zu werden, ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Man lässt die Zigarre dann einfach ausgehen, sie wird nicht ausgedrückt. Wenn man Zeit und Lust für einige Notizen hat, kann das nicht schaden, und so oder so wird man feststellen: Es gibt kaum ein ehrgeizigeres Ziel als das, Zigarrenkenner zu werden.

-aldus

Vahé Gérard: Zigarren — Zigarren und Lebensart / Die feinsten Zigarren der Welt. 2 Bände. Bielefeld: Delius Klasing 2008.
Eric Deschodt, Philippe Morane: Zigarren. Köln: Könemann 1998.
www.cigar-wiki.com

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Kommentare  

 
+1 #3 2011-12-06 12:48
Ich stimme meinem Vorschreiber in sämtlichen angemerkten Punkten zu, neben der ganzen Kritik aber auch bei diesem: Vielen Dank für deisen schönen Artikel! Es kann gar nicht genug über dieses schöne Hobby geschrieben werden!
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0 #2 2010-10-06 10:06
Schöner Beitrag mit guten Infos zur Zigarre! Auf meiner Seite findet man dazu die passende (Video-)Anleitung, die zeigt wie man eine Zigarre korrekt anzündet und raucht.

Beste Grüße,

André

http://www.wiemansmacht.de/hobby-a-freizeit/freizeit/wie-man-eine-zigarre-richtig-anzuendet-raucht-und-geniesst/
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+2 #1 2010-01-12 18:26
Zitat:
"Man sollte darauf achten, dass sich die Zigarre glatt anfühlt, sie darf beim Zusammendrücken nicht knistern (dann wäre sie alt oder trocken) und muss danach in ihre ursprüngliche Form zurückkehren."
->Ist nicht richtig. Auch perfekt gelagerte Zigarren machen dabei leichte Knistergeräusch e. Andersrum: Macht die Zigarre gar kein Geräusch, ist sie zu feucht!
Zitat:
"Größere Formate mit stärkerer Dicke haben oft ein volleres Aroma, da ihre Einlage üblicherweise mehr kräftige ligero-Blätter aufweist."
-> Schlichtweg falsch!
Zitat:
"puros habanos", wobei "puro" "rein" bedeutet, heute jedoch auch ein Synonym für Zigarre geworden ist.
1. Das Garantiesiegel "Puros Habanos" habe ich noch nie gesehen, 2. Puro ist nicht Synonym für eine Zigarre, sondern bezeichnet eine Zigarre, deren Tabak aus einer einzigen Provenienz stammt.

Ansonsten aber ein schöner kompakter Beitrag über ein Hobby, über das nicht genug geschrieben werden kann! WEITER SO!

Danke!
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