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aldus- Weinkenner geraten hier schnell ins Schwärmen und doch reichen die Weine Bordeaux‘ vom Unbeschreiblichen bis hinab in die Niederungen tristesten Alltags. Den Schlüssel bietet neben Rebsorten und Herstellungsmethoden vor allem die Landschaft selbst.

„B

bordeaux1 ier ist Menschenwerk, der Wein aber ist von Gott“, wusste schon Martin Luther — und mit keinem Landstrich hat es Gott so gut gemeint wie mit Bordeaux. Über 8000 Châteaus gibt es hier und die Weine der besten suchen weltweit ihresgleichen. Das Geheimnis ihrer besonderen Qualität liegt in den Ablagerungen aus Sand und Kies, teilweise mehrere Meter dick, die als Hinterlassenschaft des Atlantiks im westlichen Teil Bordeaux’ anzutreffen sind. Sie ermöglichen eine tiefe Einwurzelung der Reben und einen sehr guten Wasserabzug, auf ihnen wachsen die meisten der berühmten Spitzenweine. Hinzu kommt das lokale Klima: Es profitiert vom warmen Golfstrom, ausgleichend wirken auch schützende Wälder sowie die Flüsse Garonne und Dordogne mit ihrem Mündungsgebiet, der Gironde. So verwundert es nicht, dass hier seit mehr als zwei Jahrtausenden Wein angebaut wird — seine Qualität besang schon der römische Poet und Staatsbeamte Ausonius im vierten nachchristlichen Jahrhundert, und an den Höfen bereits des Mittelalters war Wein aus Bordeaux hochgeschätzt. Doch näher betrachtet ist Bordeaux als Weinregion alles andere als einheitlich. Grob unterteilen lässt es sich in vier Gebiete: nördlich der Stadt Bordeaux am linken Ufer der Gironde das Médoc, im Süden die Region Graves, zwischen Garonne und Dordogne das Gebiet Entre deux mers und schließlich das Libournais rechts der Dordogne.


Médoc

bordeaux2 Das Médoc beheimatet mit Abstand die meisten der hochberühmten Weingüter Bordeaux’ — die es durchziehende Straße D2 „route des vins“ wirkt streckenweise wie eine befahrbare Weinkarte, geziert von weltberühmten Namen. Dabei war das Médoc bis ins 17. Jahrhundert hinein eine arme, unwirtliche Gegend, geprägt von Wäldern, Sümpfen, Wanderdünen und ständig sich verändernden Seen. Doch der Weinanbau geht hier vereinzelt bis ins frühe Mittelalter zurück – Château d’Issan in Margaux etwa lieferte im Jahr 1152 den Wein für die Hochzeit von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien. Seit dem späteren Mittelalter wurde vermehrt Anbaufläche kultiviert, bevorzugt auf den erwähnten Hügeln aus Kies, die der Atlantik Jahrtausende zuvor dort abgeladen hatte. Die lokalen Bezeichnungen für diese Geländeformationen — „fite, brion, tertre, cos“ — finden sich bis heute in den Namen berühmter Châteaus wie Lafite, Haut-Brion, du Tertre und Cos d’Estournel. Den endgültigen Durchbruch für das Médoc als Weinanbaugebiet brachten im 17. Jahrhundert holländische „déssicateurs“ —  Entwässerungsspezialisten, deren Gräben („jalles“) noch heute, 400 Jahre später, in Gebrauch sind. Finanziert wurde ihre Arbeit durch Risikokapital von lokalen Spekulanten, darunter die Gründer der heutigen Châteaus Margaux und Latour. Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren so die meisten der heutigen Spitzenweingüter des Médoc etabliert.

aldus- Wer ein ernsthafter Weintrinker sein möchte, muss Wein aus Bordeaux trinken.
Samuel Johnson (17091884)

Der wichtigste Impuls der Neuzeit für die Region ging aus vom brillanten, aber für seine heftigen Launen berüchtigten Philippe de Rothschild, unter dessen Führung die Güter nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, ihren Wein selbst abzufüllen und zu vermarkten, anstatt dies den Händlern in Frankreich und andernorts zu überlassen. Heute sind die besten Weine des Médoc berühmt für ihre Komplexität, ihre starke Frucht mit einem Anklang von schwarzer Johannisbeere und grünem Pfeffer, für ihre von den Böden herrührende klare, mineralische Struktur und ein starkes Rückgrat aus Tannin, das den Weinen eine lange Reifezeit erlaubt.


Graves

bordeaux3 Die Region Graves steht heute oft im Schatten des Médoc und von Appellationen wie Pomerol oder Saint Émilion, doch ist sie die wahrscheinlich älteste Weinanbauregion Bordeaux’. Der namengebende Kies der Region Graves ist auch hier, südlich von Bordeaux, für den besonderen Charakter des erzeugten Weins verantwortlich. Anders als im Médoc wird hier allerdings neben rotem auch in nennenswertem Umfang Weißwein erzeugt — und zwar nicht nur irgendwelcher: Anders als der Rotwein Bordeaux‘ hat der hier erzeugte Weiße weltweit kaum ernstzunehmende Konkurrenz. Sein Gesamteindruck hängt von dem Verhältnis von frischem, grünen Sauvignon Blanc und dem reichhaltigeren, pfirsichartigen Sémillon ab sowie vom Umfang, in dem während seines Ausbaus im Fass frisches Eichenholz eingesetzt wurde. Charakteristisch sind jedoch eine komplexe Kombination aus Aromen von Pfirsich, Reneklode und Apfel, nach einigen Jahren der Reife abgerundet von vollen Honignoten. Der Norden ist den südlicheren Gebieten des Graves spürbar überlegen, daher existiert seit 1987 eine eigene Appellation Pessac-Léognan für die nördlicheren Anbaugebiete der Region. Spitzenchâteaus wie Pape-Clément, Domaine Chevalier und Smith Haut Lafitte tragen den Ruhm dieser Appellation in alle Welt.

aldus- Die Weine aus Bordeaux geben dem Magen einen Tonus, derweil sie den Mund frisch und den Kopf klar lassen. Mehr als einen Moribunden, von den Ärzten bereits aufgegeben, sah man guten alten Bordeaux-Wein trinken und zur Gesundheit zurückkehren.
Kommentar einer Jury auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1855

bordeaux4 Weiter flussaufwärts am linken Ufer der Garonne, ganz im Süden Bordeaux’, liegen die Ortschaften Sauternes und Barsac in einer idyllisch hügeligen Landschaft. Berühmt ist dieses Anbaugebiet in allererster Linie für seinen außergewöhnlich qualitätvollen Süßwein. Damit dieser Wein seine charakteristisch intensive Honigsüße, die Aromen von getrockneten Aprikosen und Pfirsichen entfalten kann, bedarf es eines sehr späten Erntezeitpunkts sowie der Mithilfe des Edelschimmels Botrytis cinerea: Dieser Schimmelpilz sorgt zwar für ein eher abstoßendes Erscheinungsbild der Trauben, perforiert aber ihre Schale und erlaubt so die Verdunstung von Wasser und Konzentration der Aromen in der Frucht. Damit sichergestellt ist, dass die Trauben zum exakt richtigen Zeitpunkt geerntet werden, führen die Châteaus bis zu einem Dutzend Mini-Ernten durch — sogenannte „tries“. Der Ertrag bei dieser Art der Weinerzeugung ist sehr gering, er beträgt nur ein knappes Achtel vergleichbarer Güter des Médoc — konkret gesprochen etwa ein Glas pro Rebe. Château d’Yquem, das berühmteste Weingut des Gebiets, verzichtet in Jahren mit nicht überzeugender Ernte gar völlig darauf, einen Wein auf den Markt zu bringen. Die Trauben werden dann an andere Güter verkauft oder zum eigenen trockenen Weißwein mit Namen „Y“ (sprich „Igrek“) verarbeitet. Ist ein Jahrgang jedoch geglückt, so ermöglicht der hohe Zuckergehalt den Weinen aus Sauternes und Barsac extrem lange Reifezeiten. Selbst hundertjährige Süßweine sind auf Auktionen nicht nur als Antiquitäten sehr gefragt.


Entre deux mers

bordeaux5 Die hügelige und von Wäldern durchzogene Landschaft „zwischen den Meeren“ — also zwischen den Flüssen Garonne und Dordogne – ist nicht in gleichem Maße von Weinanbau geprägt wie der Rest Bordeaux’. Und doch finden sich hier neben zahlreichen Festungen aus der Zeit des Hundertjährigen Krieges auch Weingüter mit beachtlichen Erzeugnissen, wenn auch kaum irgendwo die Qualität der Appellationen links von Garonne und Gironde erreicht wird. Doch ein fairer Preis und die flächendeckende Verfügbarkeit sprechen durchaus für Güter wie Château Bonnet, Camarsac und Turcaud. Im Südwesten der Landschaft, entlang des rechten Ufers der Garonne, beherbergt die Appellation Premières Côtes de Bordeaux einige ambitioniertere Châteaus in der Nähe der Ortschaften Cadillac, Loupiac und Sainte Croix du Mont, die an den Südhängen des Flussufers auch bessere Bedingungen zum Weinbau vorfinden als sie in der hügeligen Ebene des eigentlichen Entre deux mers herrschen. Hervorgetan haben sich in den letzten Jahrzehnten hier Güter wie Château du Juge und Château Fayau, deren Süßweine den Vergleich mit den berühmten Namen auf der anderen Seite der Garonne nicht scheuen müssen.


Libournais

bordeaux7 Rechts der Dordogne erstreckt sich das nach der Stadt Libourne benannte Libournais, zu dessen wichtigsten Appellationen Saint Émilion und Pomerol in der Nähe der gleichnamigen Ortschaften gehören. Obwohl hier ebenfalls schon seit der Römerzeit Weinbau betrieben wurde — der erwähnte Poet und Staatsmann Ausonius hatte hier nachweislich eine Villa mit Weinbergen —, schaffte es das Libournais erst im 20. Jahrhundert, mit den Gebieten links von Garonne und Gironde auf Augenhöhe zu kommen. Anders als dort der Cabernet spielt rechts der Dordogne der Merlot die zentrale Rolle als bestimmende Rebsorte. Er verleiht den Weinen dieser Region ihre berühmte Weichheit, Zugänglichkeit und oft überraschend würzige Noten. Diese Eigenschaften machten den Wein bei einer neuen Generation von Kritikern wie Robert Parker beliebt, die ohne Rücksicht auf die alten, hochkomplexen Klassifikationssysteme des Bordeaux einen Wein ganz einfach nach seinem unmittelbar sich erschließenden Eindruck beurteilten.

bordeaux8 Die Appellation Saint Émilion südöstlich von Libourne ist ein Riese, sie umfasst nicht weniger als 800 Châteaus, 30 Millionen Flaschen Rotwein werden hier jährlich produziert. Ihre berühmtesten Châteaus sind Cheval Blanc, dessen Jahrgang 1947 in den Augen vieler Kenner einen der großartigsten Weine darstellt, die je produziert wurden, sowie Château Figeac. Im Gegensatz zum mächtigen Saint Émilion ist das östlich von Libourne sich erstreckende Anbaugebiet Pomerol die kleinste der Appellationen in Bordeaux, sie kann gleichwohl eine ganze Reihe von Spitzengütern auf ihrer Fläche vereinen. Allen voran hat Château Pétrus in den vergangenen Jahrzehnten einen rasanten Aufstieg zu einem der gefragtesten Güter der Welt hingelegt, ebenfalls in der gebildeten Weinwelt in aller Munde sind Größen wie Vieux Château Certan, Château Trotanoy und natürlich Château Le Pin, dessen Wein zum Teuersten gehört, was sich genießen und vor allem: mit dem sich spekulieren lässt. Denn wie auch sonst in Bordeaux sind nicht nur Gourmets an den gerade einmal 8000 jährlichen Flaschen des Château Le Pin interessiert, sondern vor allem Händler, Spekulanten und andere Glücksritter. Nur die wenigsten der wirklich herausragenden Erzeugnisse Bordeaux‘ schaffen es bis in die Supermärkte und Feinkostläden des übrigen Europa. Auch das ein Grund, sich früher oder später einmal selbst nach Bordeaux aufzumachen, diesen Himmel für Weinliebhaber, wo Alltägliches, Besonderes und Weltberühmtes in einer Dichte nebeneinanderliegen, die einzigartig auf der Welt ist. Eine unvergleichliche Gelegenheit für jeden Kenner also, seine mit Abstand wichtigste Fertigkeit zu trainieren: das eigene Urteil.

-aldus

Robert Joseph, Max Alexander: Bordeaux and its Wines. London: Duncan Baird 2008.
Hubrecht Duijker, Michael Broadbent: Weinatlas Bordeaux. Bern / Stuttgart: Hallwag 1997.

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