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aldus- Erika: Der Name wurde zum Synonym für eine kleine, hübsche — Schreibmaschine. Das bewegte Leben einer Unentbehrlichen, die sich erst 94jährig für immer verabschiedete.

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nfang des vergangenen Jahrhunderts waren Schreibmaschinen schwere, unhandliche und komplizierte Ungetüme. Die Maschine dagegen, die 1910 von der Dresdner Firma Seidel & Naumann auf dem Markt gebracht wurde, versprach schon im Namen Besserung: Erika. Zu einer Zeit, als andere Schreibmaschinen mit Schriftzügen wie „Continental“ oder „Mercedes“ prunkten, klang das nach einer echten Revolution. Tatsächlich war die Erika-Schreibmaschine, benannt nach der Enkeltochter des Firmengründers, eine der ersten Reiseschreibmaschinen überhaupt: klein, handlich, leicht zu bedienen. Von ohnehin bescheidenen Abmessungen war sie zusätzlich noch zusammenklappbar und hatte nur drei Tastenreihen (dafür waren die Typen dreifach belegt). Karl Robert Bruno Naumann ließ sich „Erika“ als Markennamen für Schreibmaschinen patentieren, für den Export wurden die Namen „Bijou“ und „Gloria“ verwandt.

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Bald schon war die Erika tatsächlich die „Königin der Kleinstschreibmaschinen“ in Deutschland, ihre unverwüstliche Haltbarkeit und leichte Bedienung verschaffte ihr in den kommenden Jahrzehnten zahllose treue Anhänger. 1937 erklärte eine Anzeige der Firma Naumann: „Wer seine Maschine selbst schreibt, ist daran gewöhnt, beim Schreiben zu denken, zu überlegen — und begrüßt es freudig, dass ihm Erika die Schreibarbeit so besonders leicht macht.“ Und allzuweit entfernt von der Realität dürfte das nicht gewesen sein — denn drei Jahre später hatte Seidel & Naumann nicht weniger als eine Millionen Schreibmaschinen verkauft.

schreibmaschine-erika-2 In den Luftangriffen auf Dresden wurden auch die Produktionsanlagen von Seidel & Naumann weitgehend zerstört, doch bereits 1946 wurde die Schreibmaschine Erika wieder in Serie produziert. 1951 fasste man die Anlagen mit dem enteigneten Werk des Fabrikanten Clemens Müller zu den „VEB Schreibmaschinen-Werken Dresden“ zusammen. Bis zur Erika mit der Versionsbezeichnung 5 war man bis Kriegsbeginn vorgedrungen, nun wurden fleißig neue Erika-Modelle auf den Markt gebracht, die auch im Ausland geschätzt und rege nachgefragt waren. 1956 verkündete ein hochnäsiger Angestellter in einer Anzeige der westdeutschen Generalvertretung: „Ich verreise nur noch mit Erika 10.“ Allein im Jahr 1965 wurden 200.000 Maschinen produziert; 1975 wurde das Sortiment um die Blinden-Schreibmaschine „Erika-Picht“ (nach dem System Oskar Pichts) erweitert, 1979 war man beim Modell Erika 120 angelangt, im selben Jahr wurden die Fertigungsanlagen in die „VEB Robotron Electronic Dresden“ eingegliedert. Für den Export wurden Erikas unter weltläufigen Namen wie „Aztec 700“ verkauft, ähnlich exotisch mutet die Erika S3000 an, eine elektronische Schreibmaschine aus dem Jahr 1987, die über eine Interfacebox an den Computer angeschlossen werden konnte.

Als 1990 die VEB Robotron aufgelöst wurde, blieb das Schreibmaschinenwerk unter dem Namen „Robotron Erika GmbH“ vorerst erhalten und produzierte weiter Erika-Schreibmaschinen. Unter den neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen war die Fertigung in den alten Fabriken jedoch viel zu teuer und unrentabel: Für 100 Mark wurde die Erika verkauft, in der Produktion kostete sie das Dreifache. So verließ am 28. August 1991 schließlich die letzte Erika das Werk, zum Ende des Jahres wurde die „Robotron Erika GmbH“ aufgelöst. 2004 wurde die Marke „Erika“ nach 94 Jahren gelöscht. Der Name lebt allerdings noch in der Blinden-Schreibmaschine „Erika-Picht“, die von der Firma Multi-Tech GmbH in Dresden weiterhin produziert wird. Auch hat die Erika den Sprung ins neue Zeitalter durchaus geschafft, wenn auch unkörperlich: Die kostenlose Applikation „keywriter“ stellt Komponisten elektronisch den Klang eines Schreibmaschinen-Anschlags zur Verfügung — und es ist der einer Erika.

-aldus



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