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aldus- Kaum ein einzelner Gegenstand steht für amerikanische Lebensart wie die Wurlitzer Jukebox 1015. Ein Exempel schlechten Geschmacks für manche — Symbol überbordender Lebensfreude für alle anderen.

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ach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wirkte diese Maschine wie die Aufforderung, sich nun endlich den schönen Seiten des Lebens zu widmen: 1946 brachte die Firma Wurlitzer, seit der amerikanischen Depression der zwanziger Jahre schwer angeschlagen, ihr Modell 1015 auf den Markt — und kam mit der Produktion bald nicht mehr nach: Über 56.000 Stück wurden in den folgenden 18 Monaten nach der Einführung verkauft, die Firma Wurlitzer war gerettet.

wurlitzer-jukebox-1015 Die Wurlitzer 1015 folgte in der Nachkriegszeit den GIs in ihre Basen rund um den Globus und sorgte dafür, dass diese Jukebox bald als Inbegriff des „American Way of Life“ galt. Der immense Erfolg der 1015 verdankt sich in erster Linie Paul Fuller, einem Schweizer Immigranten, der von 1935 bis 1948 als Chefdesigner für die Rudolph Wurlitzer Company in North Tonawanda (New York) arbeitete. Mit der Wurlitzer 1015 lieferte er sein Meisterstück ab: In welch heruntergekommener Bar auch immer sie aufgestellt wurde, ihrem farbenfrohen Optimismus konnte sich kaum jemand entziehen, und so wurde sie ungezählten nickels und dimes zum Verhängnis.

Die herausragende Eigenschaft der Wurlitzer 1015 ist sicher ihre auftrumpfende Farbenfreude: In einer waghalsigen Mischung aus Barock und Art Déco sind verschiedenfarbige Leuchtröhren angeordnet — die während des Betriebs zusätzlich laufend ihre Farben wechseln —, Chrom sorgt für Straßenkreuzer-Flair, ein Geniestreich sind die unablässig aufsteigenden Luftbläschen der umlaufenden „bubble tubes“, die der Maschine den Beinamen „Bubbler“ verschafften. Die 1015 dürfte die vollendete Verkörperung des für Paul Fullers typischen Rundbogenmotivs sein (erstmals eingesetzt 1941 beim Modell 750), die seinen Maschinen eine geradezu kathedralenhafte Autorität verliehen. Aufsehenerregend war auch der sichtbare Mechanismus des Plattenwechslers im oberen Teil der Jukebox (der Plattenteller kommt zu den Platten, nicht umgekehrt), der natürlich noch für Schallplatten mit 78 Umdrehungen pro Minute ausgelegt war.

Die Wurlitzer 1015 wurde bald zum Archetypus des amerikanischen „Groschengrabs“ und gilt als der Höhepunkt des „Goldenen Zeitalters der Jukebox“ vom Ende der dreißiger bis zum Ende der vierziger Jahre. Obwohl die 1015 nur in den Jahren 1946/47 produziert wurde, sorgte die Langlebigkeit der Maschinen dafür, dass sie bis weit in die fünfziger Jahre hinein im Einsatz blieben. Zumal Wurlitzer ein Umrüstpaket anbot, mit dessen Hilfe die neuen 45er-Platten abgespielt werden konnten. Zum vierzigsten Geburtstag 1986 brachte Wurlitzer die Edition „One More Time“ heraus, im Design des Originals, doch mit der Fähigkeit, CDs abzuspielen — und erneut fand die 1015 reißenden Absatz. Ins kollektive Bildgedächtnis hat sich die Wurlitzer 1015 aber vor allem durch ihre Präsenz in unzähligen Filmen eingeprägt: Seit ein Exemplar im Klassiker „On the Waterfront“ (1954) neben Marlon Brando spielte, haben zahllose Regisseure auf die einmalige Atmosphäre zurückgegriffen, die eine Wurlitzer 1015 verbreitet. 1995 schließlich verewigte das U.S. Post Office sie auf einer Briefmarke. Damit wurde sie gewissermaßen offiziell zu einer Ikone der amerikanischen Kultur erklärt, völlig zu Recht, denn wie kein zweiter Gegenstand verkörpert sie das Prinzip dieser Kultur: Etwas ist nur solange „schlechter Geschmack“, bis sich jemand traut zu sagen — „Warum nicht?“

-aldus




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