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aldus- Gibt es einen Weg zurück zur Natur? Wrights Falling Water und die Praxis einer sympathischen Illusion.

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äre der Mensch zufrieden mit dem, was ihm die Natur bietet — es gäbe keine Architektur. So aber möchten wir sicheren Schutz vor Wind und Wetter, warmes Wasser, im Winter Wärme, im Sommer erfrischende Kühle. Manchmal dämmert es einem freilich, dass man die meisten Annehmlichkeiten, die ein modernes Haus zu bieten hat, eigentlich gar nicht recht braucht. Und dass die wenigsten Städte eine echte Bereicherung der Landschaft sind. Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts noch stolz aufragende Architektur die Gestaltungskraft des Menschen und seine Unabhängigkeit von der Natur feierte, fand seit den 20er Jahren ein Umdenken statt. Architekten experimentierten mit Entwürfen, die ihre Umgebung nicht herrisch dominierten, sondern statt dessen versuchten, sich ihr anzupassen. Die ihre Bewohner nicht von der Natur abschotteten, sondern sie in Tuchfühlung mit ihr brachten. Das bist heute unübertroffene Beispiel für eine solche Architektur ist Frank Lloyd Wrights Falling Water.

wright-falling-water Direkt über einem Wasserfall erbaut liegt Falling Water inmitten einer ausgedehnten Waldlandschaft etwa 80 Kilometer südöstlich von Pittsburgh. Frank Lloyd Wright baute es zwischen 1935 und 1937 als Wochenend- und Sommersitz für den bekannten Warenhausbesitzer Edgar J. Kaufmann aus Pittsburgh. Ursprünglich hatte sich der Auftraggeber ein Haus gewünscht, das gegenüber dem Wasserfall liegen sollte, doch Wright schwebte eine radikalere Naturnähe vor, er ließ Kaufmann wissen: „Ich will, dass sie mit dem Wasserfall leben und ihn nicht lediglich anschauen.“ Und so fällt das Wasser direkt unter einem der weit auskragenden Balkone, eine luftige Freitreppe führt geradewegs aus dem Wohnzimmer in das Bassin oberhalb des Falls. Die übereinandergeschichteten Balkone nehmen die Struktur des lokalen Gesteins auf, das vielerorts in den Bau integriert ist. Selbst in den Wohnräumen ragen zum Teil noch Felsen aus der Bodenfläche, die bewusst nicht abgeschliffen wurden; der Kamin ist aus Steinbrocken gemauert, die auf dem Gelände gefunden wurden. Das Zusammenspiel aus kompromissloser Integration in die natürliche Umgebung (der Wasserfall ist überall im Haus zu hören), aus sich der Natur in den riesigen Balkonen und Fenstern öffnenden Bauweise und den verwendeten Materialien machen Falling Water zu einem Paradebeispiel organischer Architektur.

Die Entfremdung des modernen Menschen von seinem natürlichen Lebensraum scheint in Wrights Falling Water überwunden. Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis ergaben sich von Anfang an schwerwiegende Probleme: Die weit ausladenden Balkone waren eine Fehlkonstruktion, sie wären umgehend eingestürzt, hätte der Bauunternehmer sie nicht gegen den ausgesprochenen Willen Wrights heimlich mit der doppelten Stahlbewehrung versehen. Doch auch so sackten sie im Laufe der Jahre ab und mussten in einer umfangreichen Sanierung 2002 gesichert werden. Die Lage des Hauses direkt am Fluss sorgte für ein hartnäckiges Schimmelproblem, und die Bauart der Flachdächer gab dem Namen Falling Water eine weniger romantische zweite Bedeutung: Kaufmann nannte den Bau ein „Sieben-Eimer-Haus“, wegen der Gefäße, die das allerorten herabtropfende Wasser auffangen mussten. Die Probleme sind seit der aufwendigen Renovierung behoben, aber es zeigt sich, dass auch der organischste Entwurf der Natur allemal die Bedingungen diktiert, unter denen er sich ihr annähert. Falling Water ist somit eine faszinierende hochfliegende Idee und ein visuell bestechendes Bauwerk. Aber Naturnähe mit Stahlbeton, Bedienstetenwohnung und Vierfachgarage? Wirklich konsequent wäre wohl nur eine einfache Holzhütte gewesen.

-aldus



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