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aldus- Das ideale Haus für den Bauherrn, der schon alles hat: Die Villa Rotonda erfüllt nur einen einzigen abseitigen Zweck, den aber staunenswert formvollendet.

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ein Gebäude ist vom Himmel gefallen. Bei Palladios Villa Rotonda ist man sich da auf den ersten Blick allerdings nicht so sicher. In formvollendeter Symmetrie thront sie auf einem Hügel in der Nähe von Vicenza, etwa 40 Kilometer westlich von Venedig. Der Architekt Andrea Palladio (1508—1580) hatte die Bauten des klassischen Altertums studiert und deren Prinzipien in seinen ‚Vier Büchern zur Architektur‘ zusammengefasst. In seiner Villa Rotonda, erbaut für Paolo Almerico, einen hohen Beamten des päpstlichen Hofstaates, setzte er diese Prinzipien in Stein um.

Das Zentrum der Villa Rotonda (auch Villa Rotunda / Villa Capra) bildet ein erhöht liegender Kuppelsaal. Vier schmale Gänge führen jeweils zu einem aus ionischen Säulen gebildeten Portikus, von dem aus eine mächtige Freitreppe die Umgebung erschließt. Der Bau ist innen wie außen nach zwei Achsen symmetrisch, so dass sich von jeder der vier Gebäudeseiten dem Betrachter der gleiche prunkvolle Anblick bietet.

villa-rotonda-2 Die Villa Rotonda ist die nicht anders als genial zu nennende Antwort auf die Frage, wie sich die beiden geometrischen Grundfiguren Kreis und Quadrat auf vollendet harmonische Weise in einem Gebäude miteinander verbinden lassen. Die naheliegendere Frage jedoch, die sich auch Goethe auf seiner Italienreise 1786 in Anbetracht der von ihm bewunderten Villa Rotonda stellte, ist die nach dem Zweck des Bauwerks, denn als Wohnraum sind die wenigen Gemächer um den Kuppelsaal und im Obergeschoss des Hauses kaum geeignet. Zwar wurde die Villa im Laufe der Jahrhunderte auch als Wohnsitz genutzt, doch nach Palladios eigener Auskunft in den ‚Vier Büchern zur Architektur‘ diente der Kuppelsaal „Festen, Gastmahlen, zur Aufführung von Komödien, zu Hochzeiten und ähnlichen Vergnügungen“ — und erst in dieser Anmerkung kommen wir dem Wesen der Villa Rotonda näher. Der Name „Villa“ jedenfalls führt in die Irre, denn die Rotonda ist kein komfortabler Rückzugsort, der seinen Bewohnern im Sommer Erholung vom hektischen Stadtleben gewähren sollte. Sie zieht sich nicht hinter Gärten in die Landschaft zurück, sondern krönt sie, überblickt sie und dient mit ihrer vierfach wiederholten Fassade in alle Richtungen als weithin sichtbare Zierde. Sie bietet keinen behaglichen Unterschlupf, sondern inszeniert sich als der eine Ort, auf den alles in Sichtweite zuläuft: Aus jeder der vier Himmelsrichtungen wird die Umgebung in den Bau gesogen, um sie im zentralen Kuppelsaal mit seinen prächtigen Fresken in einem rauschhaften Wirbel zu bündeln.

Die höfische Welt mag sich mit all ihren Verfehlungen den Untergang mehr als verdient haben — doch in der Villa Rotonda muss man sie um die Anmut, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit beneiden, mit der sich ihre Vertreter zur Mitte der Welt stilisierten. Und sei es mitten in der norditalienischen Provinz.

-aldus



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