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Der Charme der Komplexität. Frank O. Gehrys Disney Hall in Los Angeles versetzt den Betrachter in beglückte Ratlosigkeit.

U

disney-hall nser geschulter Blick ist es gewohnt, Fragen an ein Gebäude zu stellen. Und das Bauen der vergangenen Jahrhunderte hat hier klare Antworten gegeben. Front, Seitenflügel, rückwärtige Bereiche — alles ist klar voneinander getrennt und bezieht unzweideutig Stellung. Doch welche Art Antwort gibt Frank O. Gehrys Disney Hall in Los Angeles dem Betrachter? Die Walt Disney Concert Hall, wie sie mit vollem Namen heißt, hat keine Fassade im herkömmlichen Sinne, es gibt kein Vorne und Hinten, keine „richtige“ Art, sich ihr zu nähern. Der Blick des Betrachters wird nicht, wie bei traditionellen Gebäuden, von einer Fassade mit Bedeutung aufgeladen und zurückgeworfen. Die Gestaltung der Disney Hall legt ganz offensichtlich keinen Wert auf Bedeutsamkeit oder darauf, den Betrachter mit einem festen Eindruck oder einer klaren Meinung zu versehen. Statt dessen nehmen die konkav und konvex gewölbten Flächen den Blick des Betrachters gekonnt auf und werfen ihn zwischen sich hin und her — so lange, bis jede Orientierung und Überzeugung in dem verspielten Gewirr aus Flächen und Kanten verlorengegangen ist. Dem Betrachter bleibt nichts, als die gelassene Heiterkeit dieses Formenspiels zu bewundern und die Eleganz, mit der die Disney Hall jede tiefer gehende architekturkritische Deutung an ihren Blechen aus rostfreiem Stahl abperlen lässt.

disney-hall-2 Wenn sich doch eine Assoziation mit etwas Gegenständlichen einstellt, ist es die mit einem Schiff — eine Parallele, die in der Gestaltung des rumpfartigen Konzertsaals im Innern mit seiner berühmten Akustik auch bewusst gesucht wurde. Doch besonders von außen lassen die stolz geblähten Segel aus Stahl die Statik des Gebäudes rasch als trügerische Ruhe erscheinen. Beinahe wirkt es, als könne sich jeden Augenblick der Asphalt um das Gebäude herum kräuseln und Wellen schlagen — so dass die nächste Brise die Disney Hall über den nahe gelegenen Pazifik auf eine Reise schicken könnte. Und wenn also das Gebäude dem Betrachter doch eine Art von Antwort gibt, dann liegt sie in dem Spiel, das sie aus seiner Frage macht, und im Geist des Aufbruchs, den sie ihm eingibt. Auch dieses Gebäude sagt dem Betrachter, wo er angekommen ist. Doch vor allem fragt es ihn, wohin er unterwegs ist.

-aldus



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