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Sie sollte die Familie Krupp mit einem Schlag in den gefühlten Adelsstand erheben. Und doch warf die Villa Hügel ihre Bewohner unbarmherzig in die Niederungen des Alltags.

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ie Essener Villa Hügel ist der Inbegriff neureicher Hybris und gründerzeitlicher Technikbegeisterung. Doch allen hochfliegenden Erwartungen zum Trotz stand sie nie unter einem guten Stern. Schon vor dem durch Fundamentunterspülungen und Teileinstürzen verzögerten Einzug verschliss der ungeduldige und strenge Bauherr Alfred Krupp ganze Heerscharen von Architekten und Bauherren. Ganz aus nicht brennbaren Materialien wie Stein, Stahl und Glas errichtet, wartete die Villa Hügel zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung im Jahr 1873 mit 269 Räumen von insgesamt 8100 Quadratmetern sowie mit einem Park von 28 Hektar Fläche auf. Das Haupthaus, später unter anderem mit einer Orgel ausgestattet, war umgeben von mehreren Gäste- sowie Dutzenden Bedienstetenhäusern und Nebengebäuden — dabei hatte noch die Geschirrkammer des Pferdestalls eine Bibliothek mit eigenem Lesezimmer sowie ein Spielzimmer mit Billardtisch. Auf dem weitläufigen Areal fanden sich Reitanlagen, Tennisplätze, Gemeinschaftshäuser mit Kegelbahnen sowie ein ausgewachsenes Fachwerkhaus als Spielhaus für die Töchter Barbara und Bertha. Im Park ließ Alfred Krupp ausgewachsene Bäume anpflanzen, um den Park direkt in seinem geplanten Zustand genießen zu können. Auf dem Höhepunkt der pseudo-höfischen Prachtentfaltung standen 1914 nicht weniger als 648 Bedienstete für die Bewohner der Villa Hügel parat, unter ihnen Ärzte, Bibliothekare und Friseure.

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Anlage und Architektur der Villa Hügel mögen bis heute faszinieren — und doch zeigten sich direkt nach dem Einzug die gravierenden Mängel dieser Ausgeburt hausherrlichen Größenwahns: Das Gebäude war unmöglich zu beheizen, ein ständiger Zug sorgte dafür, dass seine Bewohner dauernd an Infektionen erkrankten. Vielfältigste Änderungen am Heizungssystem bewirkten mit der Zeit zwar einige Besserung, doch noch von Bertha Krupp ist bekannt, dass sie sich winters zum Aufwärmen in die Hausmeisterwohnung verfügte. Dabei wurden auch die aberwitzigsten Kosten nicht gescheut, den Bewohnern jede nur denkbare Annehmlichkeit zur Verfügung zu stellen: Die Villa Hügel verfügte über einen eigenen Gleisanschluss, für die Beleuchtung sorgte eine eigene Gasfabrik, später ein eigenes Elektrizitätswerk, ein eigenes Wasserwerk machte von der städtischen Versorgung unabhängig. Und doch bereiteten die Leitungen im Riesenbau zum Teil skurrile Probleme — Alfred Krupp etwa beschwerte sich kurz nach dem Einzug: „Im Schlafzimmer hört man jedesmal den Gebrauch eines Closetts durch einen Schlag angekündigt.“

villa-huegel-2 Auch die gesellschaftliche Anerkennung, die sich Alfred Krupp vom Bau der Villa Hügel versprochen hatte, blieb zunächst aus: Auf den zahlreichen Bällen der Familie erschien mitunter nur die Hälfte der Eingeladenen, vor allem der Hochadel hielt sich pikiert von derart neureichem Prunkwesen fern. Erst mit dem Amtsantritt des technikvernarrten Kaisers Wilhelm II. besserte sich die Situation — nicht weniger als elf Mal besuchte der Herrscher die Villa.

Mit Alfried Krupp von Bohlen und Halbach verließ 1945 der letzte Familienangehörige das Anwesen. Seit 1953 stellte die Familie Krupp die Villa Hügel für öffentliche Ausstellungen und Konzerte zur Verfügung, heute steht sie unter der Verwaltung der Kulturstiftung Ruhr, die ein reiches Veranstaltungsprogramm bietet. Fest eingerichtet sind Museen zur gründerzeitlichen Wohnkultur und zur Geschichte der Firma Krupp, außerdem beherbergt die Villa das Archiv Krupp.

Alfred Krupp glaubte, mit der Villa Hügel das Ansehen der Oberschicht ebenso wie bisher ungekannten Wohnkomfort erkaufen zu können. In beidem täuschte er sich. Niemand verändert seine Herkunft durch noch so glorreiche Verdienste — und in Bahnhofsgebäuden fühlen sich allemal Züge wohl, Menschen kaum.

-aldus



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