stahl-house-thumb

aldus- Pierre Koenig begnügte sich nicht damit, Architektur von ihrer traditionellen Erdenschwere zu befreien. Mit seinem Stahl House brachte er ihr das Fliegen bei.

E

in Felssporn hoch über den Ausläufern von Los Angeles, mit freiem Blick in drei Himmelsrichtungen — welches Haus man auch an einem solchen Ort baut, das wichtigste an ihm wird sein, dass es dem Auge nichts Unnötiges in den Weg stellt. Und so ist es nur folgerichtig, dass Pierre Koenig seinem Stahl House in den Hügeln von West Hollywood nicht lediglich große Fenster verpasste, sondern gleich Wände aus Glas. Er entschied sich für das Äußerste, was damals fertigungstechnisch machbar war — bis zu 6,1 Meter breit sind die Glasflächen, die nur ab und an von einem Stahlträger unterbrochen werden.

stahl-house Pierre Koenig baute das Haus 1959/60 für den Geschäftsmann Buck Stahl im Rahmen des Case-Study-House-Projekts. Von John Entenza, dem Herausgeber der Zeitschrift ‚Arts & Architecture‘ 1945 ins Leben gerufen, sollte dieses Projekt als ein Musterhausprogramm neue Wege des Bauens für die Mittelschicht erkunden. Doch als Case Study House Nr. 22 wurde das Stahl House bald sehr viel mehr als nur ein Typenhaus für preisbewusste Bauherren. Berühmtheit erlangte es direkt nach der Fertigstellung durch eine Aufnahme des Architekturfotografen Julius Shulman, die zwei Damen im nächtlich erleuchteten Wohnzimmer über den Lichtern der Stadt schwebend zeigte. Auf zahllosen weiteren Fotografien verewigt und in Film nach Film neu in Szene gesetzt, wurde das Stahl House in der Folge nicht weniger als der Inbegriff der architektonischen Moderne in Südkalifornien.

Noch heute inspiriert die Freiheit und Natürlichkeit, mit der das Stahl House die einmalige Lage in luftiger Höhe in Besitz nimmt. Durch sein wie Flügel ausgebreitetes Dach und die riesigen Glasflächen wirkt es so leicht, dass seiner meterweit über einen Felsvorsprung ragenden Bauweise alle Waghalsigkeit fehlt. Unnatürlich scheint allein, dass es überhaupt den Boden berührt.

Als Buck Stahl das Grundstück 1954 für die damals nicht unbedeutende Summe von 13.500 Dollar kaufte, zog er den Unmut der gesamten Familie auf sich. Viel zu viel Geld für einen derart abschüssigen und unwirtlichen Bauplatz, lautete der Vorwurf. Doch Buck Stahl hatte keinen Bauplatz gekauft, sondern einen Flugplatz, eine Startrampe für die Phantasie. Vor kurzem bot ein Filmstar den Nachkommen für das Stahl House nicht weniger als 15 Millionen Dollar.

-aldus

 



Diese Seite hinzufügen:

Kommentare


Sicherheitscode
neuer Code, falls nicht lesbar