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aldus- Warum? Weil wir es können! Der Burdsch Chalifa folgt der altbewährten Hochhaus-Logik, trotzdem gibt der Westen sich pikiert.

E

s ist leicht, sich über den Burdsch Chalifa zu belustigen. Wozu ein derartiges Hochhaus mitten in einer Wüstenregion, die in der Ebene mehr als genug Platz bietet? Und wozu in Dubai, das strenggenommen nicht mehr ist als ein Flughafen mit angeschlossener Shopping-Mall? Pünktlich zur Fertigstellung des Burdsch Chalifa (Burj Khalifa, bis 2010 Burj Dubai) sorgten dann auch noch die Auswirkungen der Finanzkrise dafür, dass Dubai auf schlagzeilenträchtige Weise einen Teil seiner Schulden nicht mehr bedienen konnte. Schadenfroh klapperten landauf landab die zahllosen Wortwitzigen des Feuilletons das Allernaheliegendste in ihre Redaktionssysteme: „In den Sand gebaut!“ Mehr als ein Jahrhundert lang hat der Westen mit seinem „Höher, Schneller, Weiter“ dem Rest der Welt gezeigt, wer die Führungsmacht auf dem Planeten ist. Nun, da sich der Ferne und Mittlere Osten anschicken, wirtschaftlich und technologisch aufzuschließen, mag man nicht mehr mitspielen, spricht von Größenwahn und unterstellt die üblichen phallischen Komplexe. Doch um das bekannte Wort Sigmund Freuds abzuwandeln: Manchmal ist ein Hochhaus auch einfach nur ein Hochhaus.

burdsch-chalifa Und nüchtern betrachtet, ist der Burdsch Chalifa ein bestechend schönes Hochhaus. Auf einer Y-förmigen Grundfläche erhebt sich ein Bündel aus halbovalen Segmenten, die nach und nach abschließen und zuletzt nur eine einzelne, vom Boden aus hauchdünn wirkende Mittelfaser zur unglaublichen Höhe von 828 Metern entlassen. Die schlanke Eleganz des von Adrian Smith entworfenen Gebäudes, die sich aus den zunächst rasch, dann langsamer kleiner werdenden Grundflächen der 160 Etagen ergibt, entlarvt die westlichen Hochhaus-Boxen in ihrem plumpen Grundanliegen: möglichst effizient mit möglichst viel Fläche einen möglichst hohen Profit einfahren. Statt wie andere Riesen seine Umgebung plump zu dominieren, mutet dem atemberaubenden Aufbruch ins Vertikale des Burdsch Chalifa dagegen etwas zutiefst Vornehmes an, als zöge sich das Gebäude rücksichtsvoll in die Höhe zurück, anstatt sich in seiner Umgebung breitzumachen.

Die Freigebigkeit, mit der beim Burdsch Chalifa zugunsten der Ästhetik auf Fläche und damit Ertrag verzichtet wurde, findet sich auch in der Gelassenheit, mit der dieses architektonische Wunder alle anderen Anwärter auf den Titel „höchstes Gebäude der Welt“ übertrifft. Jahrzehntelang fand ein zähes Ringen um diese Ehre statt, übertraf ein Wolkenkratzer den nächsten nur um einige Meter oder eine Handvoll Stockwerke. Das Chrysler Building etwa verdankt seine exaltierte, hoch aufragende Verkleidung aus Stahlbögen an der Spitze allein der Tatsache, dass mit ihrer Hilfe der ebenfalls gerade im Bau befindliche Turm der Bank of Manhattan (heute Trump Building) mit einem Schlag doch noch übertrumpft werden sollte, was auch gelang. Doch selbst wenn man heute die beiden Konkurrenten übereinanderstapelte, fehlten noch über 200 Meter zum Burdsch Chalifa. Der Abstand zwischen dem Burdsch Chalifa und dem nun zweitgrößten Gebäude — dem Taipei 101 — beträgt dagegen entspannte 320 Meter.

Anstatt hämisch über ein Spiel zu spotten, in dem er nicht mehr gewinnen kann, täte der Westen also ganz gut daran, den Burdsch Chalifa als das zu verstehen, was er ist: Ein faszinierender Beweis für die visionäre Kraft und technische Meisterschaft seiner Bauherren. Dass er inmitten eines besseren Niemandslands steht, sollte nicht stören. Als Chicago mit dem Bau seiner heute weltberühmten Skyline begann, war die Stadt nicht mehr als das Schlachthaus für die Viehherden des Mittleren Westens. Wer weiß, welche Entwicklung Dubai bevorsteht. Eins ist jedenfalls sicher: Wenn man mit dem Bau von Städten und Hochhäusern wartete, bis die Feuilletons ihre Zustimmung erteilen, lebten wir heute noch in Felshöhlen.

-aldus



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Kommentare  

 
+1 #1 2010-02-26 15:01
Sehr schöner Schlusssatz!
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