Was will uns der Künstler damit sagen? Arnold Böcklins ‚Spiel der Wellen‘ lacht dem Betrachter ins Gesicht.
er Anblick des Meeres hat etwas Ehrfurchteinflößendes. Seine schiere Ausdehnung, die unergründlichen Tiefen, die es birgt, und vor allem das ewige Gleichmaß seiner Brandung. Immer wieder wurde das Meer mit seinem steten Wechsel von Wellen und Gezeiten als Symbol für das Leben selbst verstanden, mit seinem ewigen Kreislauf aus Geburt und Vergehen. An Versuchen der Kunst, diese Majestät auf die Leinwand zu bannen, mangelt es keineswegs. Doch was macht Arnold Böcklins ‚Spiel der Wellen‘ aus diesem uralten Quell der Faszination? Sein „Seestück“, wenn man es so nennen möchte, hat auf den ersten Blick recht wenig Majestätisches. Gezeigt wird ein buntes Treiben fremdartiger Meerwesen: Im Hintergrund lässt sich ein Kentaur mit riesenhaftem Wanst von einer Woge tragen, Najaden vergnügen sich an seiner Seite, genüsslich die stattlichen Wellen auskostend. In das Bild hineingeführt wird der Betrachter durch das Paar im Vordergrund — eine zögerlich aufblickende Najade wird von einem lebensfrohen Tritonen zur Teilnahme an dem Spiel animiert. Ihre skeptische Mimik wird drastisch konterkariert durch den grotesken Ausdruck eines gerade auftauchenden Meerwesens hinter ihr: Offensichtlich ist es im Begriff, eine Wasserfontäne aus seinem Mund zu entlassen, die Backen sind aufgeblasen, die Augen quellen hervor, ein flossenartiger Kamm auf seinem Kopf weist es ins Reich der Phantasie.
Arnold Böcklin malte nach eigener Auskunft keine „Bilderrätsel“, sondern „nur Bilder“. Und so sollte man sich bei Böcklins ‚Spiel der Wellen‘ nicht näher auf mythologische Ausdeutungen der Gestalten einlassen oder ihre biographische Zuordnung (der Tritone ist nach Böcklins Freund Anton Dohrn gestaltet). Natürlich stößt das Bild mit seinem absurden Treiben den Betrachter vor den Kopf, der hilflose Gesichtsausdruck der Najade mag dem des ein oder anderen Kunstwilligen beim Anblick des Gemäldes entsprechen — vor allem zur Entstehungszeit des Bildes wird man sich schwergetan haben: Von der vorangegangenen Stilepoche des Historismus war man bedeutungsschwangere Inszenierungen gewohnt mit intrikaten Zitaten und komplexen Argumentationsmustern. Und nun so etwas. Doch das Lachen des Tritonen im Vordergrund wirkt auch auf den Betrachter wie eine Aufforderung: Lass‘ los, lass‘ dich treiben, genieße das Spiel der Wellen!
Auch in Böcklins ‚Spiel der Wellen‘ mag das Meer in seiner klassischen Ausdeutung als Symbol für das Gewoge des Lebens stehen. Nur dass Böcklin sich weigert, in Ehrfurcht zu erstarren. Seine Botschaft ist klar: Man kann das Leben nachdenkend durchdringen, sich in seine Geheimnisse vertiefen, endlos über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten sinnen. Aber man kann sich auch einfach hineinwerfen und das Auf und Ab genießen.

Diese Seite hinzufügen:




